https://www.faz.net/-gqz-97b8c

Filme auf der Berlinale : Die Wahrheit ist eine Séance

Gut, dass dieser Film Marie Bäumer hat: „3 Tage in Quiberon“ von Emily Atef. Bild: Peter Hartwig/BERLINALE/HANDOUT/

Die Zeitgeschichte hält Einzug auf der Berlinale. Die widmet sich dem Massaker von Utøya, der Operation Entebbe und dem letzten Interview von Romy Schneider.

          Am Nachmittag des 22. Juli 2011 setzte der Rechtsextremist Anders Breivik mit einer Reisetasche voller Schusswaffen auf die Insel Utøya im Tyrifjord bei Oslo über, auf der etwa 560 Mitglieder der Jugendorganisation der norwegischen Arbeiterpartei mit ihren Betreuern ein Ferienlager veranstalteten. Zwischen 17 Uhr 20 und 18 Uhr 35 erschoss er neunundsechzig junge Männer und Frauen, zum Teil aus nächster Nähe, und verwundete hundert weitere schwer, bevor er sich der eingetroffenen Polizei stellte. Kurz vor der Tat versandte er per E-mail ein fünfzehnhundertseitiges Manifest, in dem er sich zum Retter des christlichen Europa erklärte. Im anschließenden Prozess wurde Breivik zu einundzwanzig Jahren Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt und sitzt heute im Gefängnis.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In Erik Poppes Film „Utøya 22. Juli“, dem norwegischen Beitrag im Berlinale-Wettbewerb, wird Breiviks Name kein einziges Mal erwähnt. Auch die Zahl der Opfer erfährt man erst im Nachspann, so wie die näheren Umstände der Tat. Stattdessen sieht man Jugendliche, die in Zelten liegen, vom Baden zurückkommen, Waffeln essen und über den Beitrag Norwegens zur Nato-Mission in Afghanistan diskutieren. Plötzlich hört man von weitem Schüsse. Sie kommen näher. Die Jungen und Mädchen flüchten in Panik in ihr Vereinshaus. Dann sind wir im Wald, zwischen Fichtenstämmen und kleinen Erdhügeln. Wieder krachen die Schüsse. Menschen hasten in Todesangst vorbei. Die Telefonverbindung ist schwankend, der Notruf funktioniert nicht. Das Krachen hört nicht auf. Ein Mädchen mit einer Kugel im Rücken verblutet auf dem Waldboden. Am Steilufer ducken sich Überlebende in die niedrigen Büsche. Im Wasser treibt ein Toter. Der steinige Strand ist mit Leichen bedeckt. Irgendwann, nach einer Ewigkeit, nähert sich ein Boot.

          Im Kino ist die Moral einer Geschichte eine Frage der Einstellung. Erik Poppe gibt darauf eine eindeutige Antwort: Er erzählt vom Massaker aus der Sicht der Massakrierten und blendet den Täter und seine Motive konsequent aus. Als Erstes düpiert der Film die Erwartung, uns mit Luftbildern und Kamerafahrten eine Art Überblick über die Lage zu geben. Wir sehen nur, was die Jugendlichen sehen, und das ist fast nichts. Manche halten die Knallgeräusche für eine Übung. Andere sagen, die Polizei schieße auf Leute (Breivik hatte sich als Polizist maskiert). Ein Mädchen, Kaja, sucht nach seiner Schwester, und mit ihr streift die Kamera durch die Todeszone von Utøya. Aber Kaja ist keine Filmheldin, sondern nur eine Kristallisationsform des Unsäglichen, das sich an diesem Nachmittag auf der Insel zutrug. Zweiundsiebzig Minuten dauerte der Massenmord. Neunzig Minuten dauert der Film, und keine davon ist verschenkt. Mit „Utøya“ hat die Berlinale, die sich gern für das politischste der drei großen Festivals hält, einen ersten klaren Anwärter auf den Goldenen Bären. Auch die Weigerung, die politischen Hintergründe einer Tat zu klären, kann eine politische Geste sein. Man weiß das. Hier sieht man es.

          José Padilhas Film „7 Days in Entebbe“ ist dagegen politisches Kino im altmodischen Sinn. Im Sommer 1976 wird ein Linienflug der Air France von palästinensischen und deutschen Terroristen nach Uganda entführt. Nach sechstägigen Verhandlungen stürmt ein Einsatzkommando der israelischen Armee den Flughafen von Entebbe und befreit die Geiseln. Der Film spannt dieses Drama auf die Streckbank eines politisch korrekten Fernsehspiels. Man sieht Jitzchak Rabin und seinen Verteidigungsminister Schimon Peres, die sich den Kopf über ihre Optionen zerbrechen. Aber auch die RAF-Terroristen, gespielt von Daniel Brühl und Rosamund Pike, bekommen ihre Ration Gewissensnot. Die Kampfszenen werden durch Zwischenschnitte auf eine Tanzperformance aufgehübscht. Nach dem visuellen Ernst von „Utøya“ wirkt das martialische Pathos von „Entebbe“ beinahe ekelerregend. Padilhas Film läuft im Wettbewerb außer Konkurrenz, aber das hilft wenig, denn er steht ja dennoch dort, wo er nicht hingehört: im Hauptprogramm.

          Manchmal gibt ein Filmtitel dem anderen die Klinke in die Hand. Nach den sieben Tagen in Entebbe folgte Emily Atefs „3 Tage in Quiberon“. Es ist die Zeit, die die deutsche Schauspielerin Romy Schneider im Frühjahr 1981 in einem Luxushotel in der Bretagne mit dem Reporter Michael Jürgs und dem Fotografen Robert Lebeck verbringt, die sie für ein Interview für den „Stern“ treffen wollen, und mit ihrer Schulfreundin Hilde Fritsch, die sie vor den beiden zu schützen versucht. Die Geschehnisse sind durch Lebecks Fotos und Lebenserinnerung belegt, und Emily Atef taucht sie in ein edles historisches Schwarzweiß. „3 Tage“ hätte das Kino-Äquivalent eines Coffee-Table-Buchs von Taschen werden können. Aber zum Glück hat der Film Marie Bäumer.

          Oder besser: Sie hat den Film. Bäumer spielt Romy, das ist alles, was man über „3 Tage in Quiberon“ letztlich wissen muss, der Rest ist Kulisse. Romy Schneiders Alkohol- und Tablettensucht, ihr familiäres Unglück, ihr Leiden an Deutschland und am Sissi-Klischee sind ebenso wie das Interview, das damals an der Atlantikküste entstand, Stereotypen der Zeitgeschichte. Aber wenn Marie Bäumer auftritt, vergisst man alles, was man über ihre Figur weiß. Das Kino, wenn es von wirklichen Ereignissen handelt, ist ja nicht nur Erzählung, sondern auch Erweckung: ein Stück Schamanenkunst. Vielleicht sollte man „3 Tage in Quiberon“, einen im Übrigen eher mittelmäßigen Film, nicht als Kunstwerk, sondern als Séance betrachten: zwei Stunden mit Romy Schneider. Es gibt weiß Gott schlechtere Gründe, ins Kino zu gehen.

          Weitere Themen

          Ja mei, die jungen Leute

          Aufwachsen in München : Ja mei, die jungen Leute

          München ist das teuerste Pflaster Deutschlands. Das ist hart für Jugendliche und Heranwachsende, die noch kaum Geld verdienen. Die Stadt hilft ihnen, indem sie bei zivilem Ungehorsam wegschaut.

          Topmeldungen

          Eckpunktepapier : Ist das Klimapaket eine Mogelpackung?

          Umweltverbände halten das „Klimaschutzprogramm 2030“ für unzureichend und werfen der Bundesregierung Ignoranz vor. Aus der Wirtschaft gibt es mehr Lob, doch auch dort gibt es Zweifel an dem Paket.
          Den Jakobsweg läuft man nicht an einem Wochenende. Das geht nur mit einer Auszeit.

          Die Karrierefrage : Wie komme ich an ein Sabbatical?

          Einfach mal die Seele baumeln lassen, Kraft tanken, den Horizont erweitern: Eine Auszeit vom Beruf wollen viele. Wie aus dem Wunsch Wirklichkeit wird, erfahren Sie hier.
          Das Baden ist untersagt, aber es kostet nichts: Schwanenpaar mit menschlichen Passagieren auf dem Eisbach im Englischen Garten

          Aufwachsen in München : Ja mei, die jungen Leute

          München ist das teuerste Pflaster Deutschlands. Das ist hart für Jugendliche und Heranwachsende, die noch kaum Geld verdienen. Die Stadt hilft ihnen, indem sie bei zivilem Ungehorsam wegschaut.

          Bundesliga im Liveticker : O’zapft is!

          Der FC Bayern spielt am ersten Wiesn-Samstag mit Coutinho und Perisic in der Startelf gegen Köln. Thomas Müller sitzt zunächst am Tresen. Verfolgen Sie die Spiele im Liveticker.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.