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Berlinale : Der Tod in Berlin und vor Lampedusa

Falladas Weltbestseller „Jeder stirbt für sich allein“ in der Verfilmung mit Brendan Gleeson und Emma Thompson Bild: dpa

Die Verfilmung von Hans Falladas Weltbestseller „Jeder stirbt für sich allein“ kann im Wettbewerb der Berlinale nicht überzeugen. Großes Kino ist die Flüchtlings-Dokumentation „Fuocoammare“.

          Ein deutscher Soldat läuft um sein Leben. Zwei Schüsse fallen, und er bricht auf einer Waldlichtung zusammen. Sterbend blickt er in die Wipfel der Bäume. Dann wird sein Schicksal zu einem Verwaltungsvorgang. Ein Feldpostbrief wird geschrieben und abgeschickt; er erreicht das Ehepaar Quangel am selben Junitag im Jahr 1940, an dem in Berlin der Abschluss des Waffenstillstands im Westfeldzug bekanntgegeben und der Sieg der Wehrmacht über Frankreich gefeiert wird. Die Todesnachricht löst bei den Quangels zuerst Trauer und Wut aus und dann eine Art Rückpost. Otto Quangel fängt an, Ansichtspostkarten mit Aufrufen zum Widerstand gegen das Naziregime zu beschreiben und in Berliner Treppenhäusern auszulegen. Zwei Jahre dauert der einsame Kampf der Quangels, dann werden sie gefasst.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Literaturverfilmungen sind, mehr noch als jede andere Genre im Kino, eine Frage des Feingefühls. Das betrifft auch die Requisiten. In Vincent Perez’ Adaption von Hans Falladas Roman „Jeder stirbt für sich allein“ strotzen die Straßen der Reichshauptstadt vor parkenden und fahrenden Autos, obwohl die Geschichte im Krieg und im Arbeiterviertel Prenzlauer Berg spielt. Der Misston setzt sich fort in einer Einstellung, in der Anna Quangel beim Lesen eines Zeitungsartikels über den „Heldenkampf um Stalingrad“ gezeigt wird, während die Quangels bei Fallada schon im Oktober 1942 verhaftet werden, lange vor dem Untergang der sechsten Armee. Es ist wahr, das Kino darf mit seinen Vorlagen machen, was es will; aber es muss dann auch etwas daraus machen.

          Ticket für die Privatsphäre

          Perez und seine deutschen Produzenten haben aus „Jeder stirbt für sich allein“ die Kurzfassung eines Fernsehmehrteilers gemacht, zu dem der Stoff vermutlich besser getaugt hätte (in der DDR wurde das Buch 1969 als Defa-Dreiteiler verfilmt). Sie haben die Hauptrollen von Anna und Otto Quangel mit Emma Thompson und Brendan Gleeson besetzt, zwei der größten Charakterdarsteller des Gegenwartskinos, und die Rolle des Gestapo-Kommissars Escherich, ihres Gegenspielers, mit Daniel Brühl. Aber Gleeson und Thompson und Brühl kommen nicht dazu, ihr ganzes schauspielerisches Können zu zeigen, weil der Film sich immer wieder beeilen muss, den Aufwand an Kulissen und Fahrzeugen, der zum Gepränge einer solchen Produktion gehört, vor die Kamera zu rücken; und der Film findet keine Zeit, seinen Zuschauern die Not eines Lebens im Widerstand wirklich fühlbar zu machen, weil er auch in hundert Minuten keinen Moment der atmosphärischen Vertiefung erreicht.

          In Falladas Roman ist das Ehepaar Quangel in ein Netzwerk von Nachbarn und Bekannten eingesponnen, Kommunisten, Nazis, Profiteuren und Mitläufern. Perez und sein Koautor Achim von Borries haben fast alle diese Figuren gestrichen, doch die Perspektive des Films rückt dadurch nicht näher an die Quangels heran, sie bleibt halbnah und auf geradezu obszöne Weise dezent. Ein einziges Mal, am Geburtstag ihres toten Sohnes, sieht man Otto und Anna Quangel sich küssen, aber als sie sich ins Schlafzimmer zurückziehen, bleibt die Kamera am Esstisch stehen, als müsste sie vor dem Weitererzählen erst ein Ticket für die Privatsphäre der Figuren lösen. Trauriger kann ein Film seine Geschichte kaum verfehlen.

          Auf der Berlinale, wo „Jeder stirbt für sich allein“ im Wettbewerb läuft, trifft der Film nun auf andere, weniger kostümhafte, aber ebenso wie er im historischen Nebel stochernde Adaptionen, was mitunter interessante Vergleichsmöglichkeiten eröffnet. So bemüht sich der serbische Regisseur Danis Tanović in „Mort à Sarajevo“, ein Theaterstück von Bernard-Henri Lévy auf die Leinwand zu bringen, das von den Vorbereitungen für eine europäische Konferenz aus Anlass der Ermordung des österreichischen Thronfolgers vor hundert Jahren. Auch hier fällt der Name Hitler (wenn auch nur in einem Nebensatz), auch hier geht es darum, das, was in den Geschichtsbüchern steht, in szenischer Form fassbar zu machen. Aber anders als die Fallada-Verfilmung lässt sich „Mort à Sarajevo“ so weit auf das Innenleben seiner Figuren ein, dass uns ihre Zwangslagen nicht völlig gleichgültig lassen: die Panik des Hotelmanagers, der sich an den Einnahmen aus der Konferenz gesund stoßen will; der Zorn der Angestellten, die sich, seit Monaten unbezahlt, zum Streik entschließen; die Verstörung der Fernsehreporterin, die von dem serbischen Nationalisten vor ihrem Mikrofon, der den verheißungsvollen Namen Gavrilo Princip trägt, zugleich abgestoßen und auf eine gänzlich irrationale Weise angezogen ist.

          Und dann sind wir plötzlich mitten in der Gegenwart. Der Italiener Gianfranco Rosi hat seinen Film „Fuocoammare“ auf Lampedusa gedreht, einer Insel, die mitten in der Meerespassage zwischen Sizilien und Tunesien liegt und seit Jahren als erste europäische Aufnahmestation für zehntausende afrikanischer Bootsflüchtlinge dient. Und er hat es sich und uns erspart, das epochale Drama, das sich vor Lampedusa ereignet, durch den Filter einer erfundenen Geschichte zu betrachten.

          Auf See und doch in Sicherheit: Szene aus Gianfranco Rosis „Fuocoammare“

          Die Gegensätze, die „Fuocoammare“ zeigt, wirken schon abenteuerlich genug: Einerseits das traditionelle Leben der Insel, das fast ungestört weitergeht, mit Schwammtauchern, Dorfschulen, kleinen Jungen, die mit Schleudern auf Kakteen schießen und Wunschkonzerten im Lokalradio. Andererseits das Sterben draußen auf dem Meer, die Toten im Unterdeck der überfüllten Boote, die Verätzungen auf der Haut der Überlebenden, die in einer Lake aus Diesel und Salzwasser gelegen haben, die Tränen, die Klagen, die Qual.

          Seit Jahren wird darüber diskutiert, ob Dokumentarfilme in den Wettbewerben der großen Festivals laufen sollen. Die Debatte bleibt auch nach der Berlinale offen. Aber es ist klar, dass die Bilder von „Fuocoammare“ eine Aktualität und ästhetische Dringlichkeit besitzen, die bisher von keinem der anderen Filme im offiziellen Programm erreicht wurde. Die Mühlen des Kinos mahlen langsam. Die Wirklichkeit ist ihnen meistens weit voraus. Dokumentationen verkürzen diese Distanz. Nicht immer. Aber immer öfter.

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