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Berlinale : Ein Film, der acht Stunden dauert

„Wiegenlied für ein trauriges Geheimnis“ erzählt von der gescheiterten philippinischen Revolution Ende des 19. Jahrhunderts. Bild: AFP

Wer meint, ein Film sollte nicht mehr als zwei Stunden brauchen, hat diesen noch nicht gesehen: „Wiegenlied für ein trauriges Geheimnis“ von Lav Diaz dauert acht. Und ist keine Minute zu lang. Weltpremiere feierte er jetzt im Wettbewerb der Berlinale.

          Stellen Sie sich vor, Sie stehen eines Morgens um halb neun in der Schlange vor dem Berlinale-Palast, werden um neun Uhr eingelassen, um halb zehn beginnt die Vorführung, und um kurz nach sieben abends kommen Sie wieder heraus. Sie haben acht Stunden lang den jüngsten Film eines philippinischen Filmemachers gesehen (und ein akzentreiches Spanisch und indigene Sprachen gehört und englische und deutsche Untertitel gelesen), dessen anderen Werken Sie in den vergangenen fünfzehn Jahren bereits auf verschiedenen Festivals begegnet waren. Lav Diaz heißt er, seine Filme dauern zwischen fünf und elfeinhalb Stunden, weshalb sie bisher nur in den Nebenreihen der großen Festivals von Berlin, Cannes, Venedig, Toronto liefen, einzig in Locarno war es schon einmal der Internationale Wettbewerb, den er prompt gewann. Das war 2014.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          In diesem Jahr nun hat die Berlinale Lav Diaz’ jüngsten Film, „Hele sa Hiwagang Hapis“ (Wiegenlied für ein trauriges Geheimnis), in den Wettbewerb um den Goldenen Bären eingeladen und ihn damit zur Pflichtveranstaltung für Kritiker und Jury gemacht. Das ist ein Wagnis, eine Ansage, ein Programm: Die Berlinale, die in ihren zahlreichen Sektionen seit langem Platz für jede Art von Filmen schafft, weitet damit noch einmal unsere Vorstellung davon aus, was Kino nicht nur an den Rändern ist. Oder sein kann, auch innerhalb des Mainstreams des Anspruchsvollen, für den das Wettbewerbsprogramm der großen Festivals im Idealfall steht. Als es morgens losging, warf die Sonne ein paar Strahlen in den Tag. Mittags gab es eine Pause von 45 Minuten, da schien das Leben draußen verlangsamt, als wäre es in Wasser getaucht. Abends nieselte es mild. Was geschah in der Zwischenzeit?

          Ein Dichter wird hingerichtet, José Rizal. Isagani und Basilio, zwei Studenten, beweinen ihn und werden ihn rächen. Der Ort, an dem sie trauern, ist eine leere Stadt, mehr Bühne für ihre Trauer als realer Ort. Sie werden einem Verräter auf die Spur kommen, in einem Erzählstrang, der möglicherweise einem Roman von José Rizal entstammt. Wir werden den beiden immer wieder begegnen in den nächsten Stunden, werden sehen, wie sie beinahe einen Mord begehen und wie der Verräter Simoun, der über Stunden hinweg verblutet, während Isigani ihn zu seinem Onkel, einem Pastor mit Hütte am Meer, bringt, seine Sünden bereut, milde Gaben aus einem großen Koffer verteilt und einen scharfsichtigen Durchblick auf die philippinischen Verhältnisse an den Tag legt. Isagani wird gespielt von John Lloyd Cruz, Simoun von Piolo Pascual, beides Megastars in ihrem Heimatland. Es sind zwei Darsteller, die zwischen Brechtscher Verfremdung und Posen von Matinee-Idolen alles spielen können, was dieser Film von ihnen verlangt, während er immer tiefer in die Seele, so muss man das wohl sagen, des Landes vordringt.

          Lichtwände aus Rauch, Figuren wie Schattenrisse

          Die Zeit, in der wir uns befinden, ist das späte neunzehnte Jahrhundert, 1896/97, um genau zu sein, die Jahre der philippinischen Revolution, die letztlich scheitert. Seit dreihundert Jahren beherrscht das spanische Königreich die Philippinen. Ungefähr genauso lang hat eine korrupte Regierung mit dafür gesorgt, dass das so bleibt, während gleichzeitig skrupellose Großgrundbesitzer Teile der Bevölkerung versklaven. Die zahlreichen Volksgruppen des Landes bilden unterschiedliche Rebellenfraktionen und Geheimorganisationen, die katholische Kirche spielt ein dreckiges Spiel, der spanische Statthalter liebt die einheimischen Frauen, Cognac und Opium.

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