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Berlinale : Die Fastenzeit des Kinos

Lebender Hyperlink: Scarlett Johansson im Eröffnungsfilm der Coen-Brüder: „Hail, Caesar!“ Bild: AP

Die Berliner Filmfestspiele haben begonnen, und nicht nur dem Buffet der Eröffnungsparty mangelt es an Fleisch. Erste große Momente gibt es aber auch. Vier Skizzen aus Berlin.

          Die Brüder Coen und das alte Hollywood

          Dass jedem Anfang ein Zauber innewohne, darauf mögen Hermann-Hesse-Leser gerne auch weiterhin vertrauen. Berlinale-Besuchern hat man so viel Magie gründlich ausgetrieben. Abschreckende Eröffnungsfilme gab es viele, zuletzt im Vorjahr; Filme, die keine einzige bei einem Galapublikum vorstellbare Stimmung treffen oder Schlüsse darauf zulassen, was auf einen zukommen könnte. Vor zwei Jahren immerhin war es mal anders, beim zauberhaft verschrobenen „Grand Budapest Hotel“, auch 2011, als die Brüder Joel und Ethan Coen ihr Remake des Westerns „True Grit“ präsentierten. Und wer die Coens einlädt, der bekommt nicht nur große und glamouröse Schauspieler zu sehen, der bekommt vor allem gute Laune und Witze für jeden Humor: die platten, derben, tückischen, subtilen, feinziselierten, sarkastischen ebenso wie die hirnverbrannten.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          „Hail, Caesar!“, der vom kommenden Donnerstag an auch in deutschen Kinos zu sehen sein wird, hat das alles, George Clooney, Josh Brolin und Tilda Swinton auf dem roten Teppich inklusive - und noch ein wenig mehr. Nachdem sich vor 25 Jahren in „Barton Fink“ das Hollywood der vierziger Jahre in eine Art brennende Kulisse von Dantes Hölle verwandelt hatte, geht es nun in die fünfziger Jahre. Clooney darf als Sandalenfilm-Star bis zum Anschlag chargieren, und er hat erkennbar Spaß daran. Hauptfigur jedoch ist ein gewisser Eddie Mannix, gespielt von Josh Brolin, er leitet das Capitol Studio (wo schon der arme Barton Fink arbeitete), aber vor allem ist er, wie das gesamte Personal des Films, eine Art lebender Hyperlink: Klickt man eine Figur an, erscheint mindestens eine historische Gestalt aus dem klassischen Hollywood, meist sind es sogar mehrere - doch man muss nicht eine einzige Anspielung verstehen, um auf seine Kosten zu kommen.

          Der reale Eddie Mannix war eine Art Mann fürs Grobe im Management von MGM, der Mannix der Coens ist ein guter Katholik, ein ebenso harter wie mitfühlender Chef, der sich mit den Launen der Stars und Regisseure oder der Zudringlichkeit der Klatschkolumnistinnen auseinandersetzen muss. Der Plot, den die Coens entwickelt haben, ist jedoch nur ein Vorwand, um wie in einer großen Revue Hollywoods Glanz und Irrsinn in seiner goldenen Ära vorzuführen. Clooney wird entführt, Mannix’ Jesus-Film ist gefährdet, der Boss muss seinen Helden um jeden Preis zurückbekommen. Was zwischendrin passiert, steht nicht unterm Diktat der Kohärenz. Jede Episode, jede Miniatur ist gewissermaßen autark, mehrfach codiert und sehenswert, und man möchte sie am liebsten alle aufzählen: Scarlett Johansson im Meerjungfrauenkostüm oder Channing Tatum singend und steppend im Matrosenanzug oder biedere kommunistische Autoren, an der Spitze ein gewisser Herb Marcuse, als Entführer.

          So, wie die Coens das inszenieren, sieht dieses Hollywood der fünfziger Jahre aus wie sein eigener Spezialeffekt, und in die Ironie, die darin liegt, die sich zudem darin zeigt, dass der Film-im-Film auch „Hail, Caesar!“ heißt, mischt sich bisweilen eine leichte Melancholie - eine sehr angenehme Kombination.

          Peter Körte

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