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Berlinale-Wettbewerb : Eine Ohrfeige von Hanna Schygulla

In Christian Petzolds „Transit“ ist der Faden zwischen Einst und Jetzt zum Zerreißen gespannt. Für „Eva“ hat Benoît Jacquot eine interessante und eine fatale Idee. Cédric Kahns „La prière“ führt zu einem unverhofften Wiedersehen.

          4 Min.

          Georg kommt nach Marseille. Die Faschisten sind ihm auf den Fersen, Paris ist schon in ihrer Hand. Georg trägt ein Manuskript des einst bekannten Schriftstellers Weidel bei sich, der sich in seinem Hotelzimmer umgebracht hat. Marie, Weidels Frau, wartet in Marseille auf ihren Mann, die Visen nach Mexiko hat sie bereits besorgt. Georg gibt sich als Weidel aus und beschafft die Dokumente. Er verliebt sich in Marie, die inzwischen mit einem Kinderarzt zusammenlebt. Aber er kann sie nicht belügen. Auf dem Weg zum Hafen steigt er aus dem Taxi, das Marie und ihn zum Schiffsanleger bringt, und schickt den Arzt an seiner Stelle in die Freiheit.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In gelungenen Literaturverfilmungen vergisst man als erstes, dass sie Literaturverfilmungen sind. Lassen wir also beiseite, dass Christian Petzolds „Transit“, der erste deutsche Beitrag im Wettbewerb der Berlinale, eine Adaption des 1944 erschienenen Emigrantenromans von Anna Seghers ist, und reden wir statt dessen über den Film. „Transit“ ist ein Flüchtlingsdrama, eine Liebesgeschichte, eine politische Dystopie. Vor allem aber ist es ein Film über Identitäten – schwankende, brüchige, angemaßte. Eine Erzählung vom Ich, das unterwegs verlorengeht. An diesem Anspruch gemessen ist der Film groß. Er taucht seine Figuren in ein Licht, das man als Kreuzung von Mittag und Mitternacht bezeichnen könnte, eine grelle Düsternis, die nichts Südlich-Heiteres mehr besitzt. Und er inszeniert rings um das von Paula Beer und Franz Rogowski gespielte Liebespaar eine Welt aus Gespenstern, in der der tägliche Kampf ums Überleben jedes andere Gefühl beiseite gedrängt hat.

          Der Trick, mit dem Petzold seinen Stoff in die Gegenwart reißt, besteht darin, dass er ihn enthistorisiert. Es gibt sozusagen kein Requisit in diesem Film, alles ist von heute: die Kneipen, die Autos, die Schiffe, die Hotels, die Touristen im Hintergrund. Manchmal, wenn man anstelle deutscher Soldaten französische Spezialtruppen zu sehen sind, ist der Faden zwischen Einst und Jetzt zum Zerreißen gespannt. Aber er hält, und die Geschichte balanciert darauf sicher ihrem Ende entgegen.

          In der Badewanne liegt eine Fremde

          Bis die Stimme des Erzählers ertönt. Er habe schon immer mit Voice-over arbeiten wollen, hat Petzold erklärt, und nun habe er es getan. Für eine ästhetische Entscheidung, die derart folgenreich wirkt, ist das eine magere Begründung. Denn durch die Erzählerstimme, die, wie wir zuletzt erfahren, dem Schauspieler Matthias Brandt gehört, der den Wirt der Pizzeria „Mont Ventoux“ verkörpert, in der ein Teil der Handlung spielt, kommt genau jene historische Patina wieder in den Film, die Petzold ihm eigentlich austreiben wollte. Das Voice-over ist der Oldtimer, der durch aus dem Off in die Geschichte hineinfährt und sie wieder geschichtlich macht. Es ist wie in den Romanen Peter Handkes, in denen die Misere der Menschheit beschworen wird, um im Auge des Betrachters zum Genrebild zu erstarren. Im Grunde hat Petzold den letzten Schritt gescheut, der aus „Transit“ ein echtes Meisterwerk aktualisierenden Erzählens gemacht hätte. Das ist bedauerlich, aber auch so gibt es immer noch genug zu sehen, was den Film aus dem Durchschnitt des diesjährigen Berlinale-Programms heraushebt.

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