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Berlinale : Die Spur der Tränen

Historikerin als Nixe: Paula Beer in Petzolds „Undine“ Bild: Christian Schulz

Vom Mythos in die Gegenwart: Christian Petzolds Märchenfilm „Undine“ und Philippe Garrels Liebesdrama „Le sel des larmes“ im Wettbewerb der Filmfestspiele.

          3 Min.

          Für manche Regisseure sind die Berliner Filmfestspiele eine Art Relegationsrunde. Der Italiener Matteo Garrone beispielsweise war zuletzt mit jedem seiner Filme in Cannes, für „Gomorrha“ bekam er dort vor zwölf Jahren den Jurypreis. Jetzt läuft Garrones „Pinocchio“ jenseits des Berlinale-Wettbewerbs in der „Special“-Reihe des Festivals, und damit ist der Film noch gut bedient. Denn Garrone hat Carlo Collodis unsterbliches Kinderbuch so lieblos bebildert, dass man sich fragt, was ihn an diesem dutzendfach verfilmten Stoff interessiert hat.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Besetzung kann es jedenfalls nicht gewesen sein, denn Roberto Benigni, der den Geppetto spielt, hat vor achtzehn Jahren schon selbst einen besseren „Pinocchio“ inszeniert, und die Französin Marine Vacth als Zauberfee Turchina hat sichtlich Mühe, beim Sprechen ihrer Dialoge nicht einzuschlafen, während alle übrigen Darsteller unter ihrer dick aufgetragenen Maskerade beinahe verschwinden. Vom Staunen darüber, dass eine Holzpuppe die Augen aufschlägt und zu reden beginnt, ist in dieser traumlosen und mit wunderschönen italienischen Landschaften wie ausgestopften Pflichtübung nicht das Geringste zu spüren.

          Christian Petzolds „Undine“ dagegen, der erste deutsche Beitrag im Wettbewerb, ist praktisch vollständig im Modus des Staunens gedreht. Schon die Anfangsszene funktioniert wie ein Weckruf, denn die Frau mit den roten Haaren, die mit ihrem Freund im Café vor dem Märkischen Museum in Berlin sitzt und gerade erfahren hat, dass er mit ihr Schluss machen will, bricht nicht etwa in Beschimpfungen oder haltloses Schluchzen aus, sondern sagt seelenruhig: „Du weißt, wenn du mich verlässt, muss ich dich töten.“ Der ganze Film, könnte man sagen, zittert im Nachklang dieses Satzes, denn auch wenn Undine (Paula Beer) schließlich darauf verzichtet, ihren untreuen Lover umzubringen, weil sie mit Christoph (Franz Rogowski) eine neue Liebe gefunden hat, liegt der Tod doch ständig als Möglichkeit in der Luft.

          Märchen besteht Probe der Gegenwart

          Er begleitet das Liebespaar zu der Talsperre bei Wuppertal, wo Christoph als Industrietaucher arbeitet, und er schleicht sich in ihre Umarmungen, wenn sie über den Dächern Berlins das nächtliche Spiel der Lichter betrachten. Einmal, als die beiden zusammen zu jenem Mauerstück in der Tiefe des Stausees tauchen, auf dem Undines Name wie seit Ewigkeiten geschrieben steht, ist die Geliebte plötzlich verschwunden, und als Christoph aufschaut, sieht er sie an die Flosse eines Fisches gekrallt ohne Atemmaske durch die Fluten schweben. Dann treibt Undine wie leblos an der Wasseroberfläche, aber als er sie reanimiert, erwacht sie, als hätte sie nur kurz geschlummert. So zieht der Mythos die beiden in sein verborgenes Spiel.

          „Undine“ wäre kein Film von Christian Petzold, wenn er die Märchenwelt, bei der er sich bedient, nicht zugleich durchleuchten und zergliedern würde. Bei Petzold ist die Meerjungfrau Undine Historikerin im Dienst der Berliner Senatsbauverwaltung, sie führt Touristengruppen vor die großen Stadtmodelle am Köllnischen Park und erklärt ihnen daran die Geschichte der Metropole. Ihr Ritter Christoph dagegen hat etwas von einem modernen Don Quichotte, denn die Turbinen, die er bei seinen Tauchgängen repariert, sind selbst schon museumsreif, ihre Erhaltung dient mehr der Landschaftspflege als der Stromgewinnung.

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