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Berlinale-Film „Body“ : Spuk als Familientherapie

Verwahrloste Themen, Situationen, Schauplätze und Figuren: Die polnische Produktion „Body“ zeichnet mit finster komödiantischer Gelassenheit einen der bisher überraschendsten und aufregendsten Filme der Berlinale 2015.

          Nie mehr essen, lieber Photosynthese: Unappetitlicher als durch die Kamera gefilmt, die Malgorzata Szumowska in „Body“ auf Marmeladenschnitten, Nudeln und Hühnchen richten lässt, können Speisen nicht aussehen. Die polnische Regisseurin bringt der Leinwand mit solchen Bildern die Perspektive der magersüchtigen Halbwüchsigen Olga nahe, die Justyna Suwala so angewidert vor uns hinstellt, als überlege sie, gleich das ganze Drehbuch auszuwürgen, wenn wir sie weiterhin dermaßen dumm anstarren.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Mädchen hasst seinen Vater, weil dieser die Mutter nicht am Sterben gehindert hat. Er war zu beschäftigt – als Ermittlungsrichter, der Selbstmörder von Bäumen schneiden lässt, das Geschlecht zerstückelter Kinderleichen auf öffentlichen Toiletten bestimmen muss und deshalb privat meist betäubt vor sich hin stiert, statt sein Kind zu trösten. Vom ersten Moment des Films an ist seine Atmung defekt; der vorzügliche Schauspieler Janusz Gajos schleppt sich als getretener Sorgensack herum und guckt dabei aus sympathischen Aufkläreräuglein aufs menschliche Elend, das sich in seiner Wohnung meist in Gestalt der Tochter zeigt, die abwechselnd entweder halb nackt kopfunter mit dem Gesicht beim Watscheln unterm eigenen Hintern hervorguckt, damit er lacht, oder eine Überdosis Tabletten einwirft, damit er weint.

          Auftritt Anna, eine sichtlich therapiebedürftige Therapeutin, die Olga den Kopf mit Spiritismus und Mumpitz vollkleistert. Diese in unbeschreiblichen Strickpullis und Gesundheitsschuhen durch die Welt hoppelnde Monstrosität, der Maja Ostaszewska eine bis zur Inhumanität übertrieben hilfsbereite, aber von keiner Selbstreflexion auch nur gestreifte Unüberwindlichkeit verleiht, dominiert sogar ihren Lebensgefährten, einen riesigen, wahrscheinlich depressiven Hund, möglicherweise ein wiedergeborenes Pferd aus dem Ersten Weltkrieg.

          Unter Verwendung mitleiderregend verwahrloster Themen, Situationen, Schauplätze und Figuren komponiert Szumowska mit finster komödiantischer Gelassenheit über neunzig Minuten ein ganz neues Genre: den Gespensterfilm, in dem die Menschen spuken und das Gespenst aus Menschenangst wegbleibt.

          Sorgensack Janusz Gajos (vorne) Bilderstrecke

          Wie unbeholfen wirkt neben dieser dunklen Perle die behäbige Ortsbegehung „Unter elektrischen Wolken“ von Aleksey German, die am nächsten Tag den Wettbewerb überschattet und ausgerechnet im Bewegtbildmedium Kino das Verschwinden des historischen Orientierungssinns erörtern will. Ein Kunstwerk hat German da geschaffen, keine Frage; aber leider eins, das vor lauter Edelblick ins Nichts kein Ende findet beim Umkreisen des Unabänderlichen – während das Ende von Szumowkas „Body“ zu den überraschendsten und dennoch folgerichtigsten gehört, die das Festival bis jetzt geboten hat: Zwei Menschen schauen einander an, glücklich vor Trauer, befreit, besiegt, nicht mehr allein.

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