https://www.faz.net/-gqz-7m52l

Berlinale 2014 : Straßen in Berlin und anderswo

Das Ende der Kindheit: Szene aus Edward Bergers Film „Jack“ Bild: dpa

In Edward Bergers „Jack“ beweist das Kino, was es am besten kann: das Beiläufige zeigen. Die Inszenierung der Tragödie „La voie de l’ennemi“ zeigt hingegen, wie man sich an einem klassischen Vorbild verhebt.

          2 Min.

          Kinder sind die Zugpferde des Themenkinos. Sie lassen sich vor jeden filmischen Karren spannen, Melodramen, Räubergeschichten, Moralpredigten, Öko-Menetekel; gerade Festivalzuschauer können davon ein Lied singen. Um so wohltuender ist es, in Edward Bergers „Jack“ zwei Kindern dabei zuzusehen, wie sie einfach durch Berlin laufen, zwei Tage und zwei Nächte lang. Sie suchen ihre Mutter, Jack (Ivo Pietzcker) und sein kleinerer Bruder Manuel, denn ein Vater ist nicht zur Hand, und die Mutter hat sie im Stich gelassen in der großen Stadt, den Älteren im Kinderheim, den Jüngeren bei einer Freundin. Kinder unterwegs, auch das ist ein altbekannter Topos des Kinos, aber so, wie Berger, der bisher vor allem fürs deutsche Fernsehen gearbeitet hat, ihn sich anverwandelt, bekommt er wieder erzählerische Dringlichkeit und Kraft.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Was wollen uns der Regisseur und seine Koautorin Nele Mueller-Stöfen – die auch eine der Betreuerinnen im Heim spielt – mit dieser Geschichte sagen? Nichts. Sie wollen etwas zeigen: wie es aussieht, wie es sich anfühlt, wenn das, was wir Familie nennen, nicht mehr funktioniert, wenn Erwachsene nicht erwachsen handeln und Kindern ihre Kindheit genommen wird, wenn sie Nahrungsmittel stehlen und in Autowracks schlafen müssen, weil das soziale Netz, das für ihresgleichen aufgespannt ist, für sie nicht taugt. Man kann Bergers Regie, die sich ganz auf die beiden Jungen konzentriert, eindimensional finden, aber in Filmen wie diesen geht es letztlich darum, in Gesichtern zu lesen, und da spricht die Miene des elfjährigen Ivo Pietzcker gerade in ihrer Verschlossenheit Bände. Er rennt durch den Film, als gelte es in jedem Augenblick sein Leben, und Bergers Kamera schaut ihm geduldig zu, weil es genau darum auch geht.

          Neuverfilmung mit neuem Schauplatz

          „Jack“ ist auch ein sehenswerter Berlin-Film. Die leeren Plätze, die weiten Straßen, die schmuddeligen Fußgängerzonen und Mietshäuser der Stadt sind auf eine so gelassene Weise präsent, dass man den Film all jenen Hauptstadtstilisten ans Herz legen möchte, die Berlin gern als Vorhof zur Hölle oder deutsches New York inszenieren. Bei Berger geht es im Grunde ja nur darum, der verzweifelten Suche der Kinder einen visuellen Rahmen zu geben, aber gerade darin liegt ja die besondere Kunst des Kinos: dass es das Beiläufige, das Selbstverständliche aufleuchten lässt.

          Wie man sich an einem klassischen Vorbild auf besonders feierliche Weise verhebt, zeigt der zweite Beitrag im Wettbewerb des ersten Berlinale-Tages, Rachid Boucharebs „La voie de l’ennemi“ („Two Men in Town“). Bouchareb hat einen Thriller von José Giovanni aus den siebziger Jahren neu verfilmt und dabei die Handlung aus Frankreich nach New Mexico verlegt. Es geht um einen Polizistenmörder (Forrest Whitaker), der nach achtzehn Jahren aus dem Gefängnis in die Freiheit entlassen wird, und um die Menschen, die dort draußen um seine Seele ringen: sein alter Komplize (Luis Guzmán), seine Bewährungshelferin (Brenda Blethyn) und der verbitterte Sheriff Agati (Harvey Keitel). Über diesen stillen Kampf hätte man gern einen nüchternen, schlanken und packenden Film gesehen, aber Bouchareb inszeniert die Geschichte so, als wollte er sie gleich bei der Library of Congress als nationales Kulturgut einreichen: jede Einstellung ein auserlesenes Tableau, jede Szene ein schicksalsschwangerer, pathetisch in die Länge gezogener Auftritt. „La voie de l’ennemi“ bietet vier dankbare Rollen für vier großartige Schauspieler, aber auch das ist relativ, wenn man bedenkt, dass im Original von 1973 Jean Gabin, Alain Delon und Michel Bouquet vor der Kamera standen. Der Rest ist angestrengtes Handwerk. Und die Berlinale ist wieder auf ihrem Normalniveau angekommen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Trump und Biden kämpfen um die Wählergunst.

          TV-Duell : Eine chaotische erste Debatte

          Die Corona-Krise bestimmte die erste amerikanische Präsidentschaftsdebatte, die weltweit von Millionen Menschen verfolgt wurde. Sowohl Donald Trump als auch sein Herausforderer Joe Biden teilten massiv gegeneinander aus.

          Spitzenforscher kommen zurück : Hallo, Deutschland!

          Von wegen Braindrain: Hiesige Universitäten ziehen Spitzenforscher aus der ganzen Welt an und könnten durch die Corona-Krise noch attraktiver werden. Mancher sieht eine „historische Chance“.
          Shopping-Viertel in Peking: Chinas Oberschicht konsumiert wieder.

          Einkaufsmanagerindex : Chinas Wirtschaft zieht an

          Sowohl die Industrieproduktion als auch Dienstleistungen haben sich in der Volksrepublik positiv entwickelt. Die Aussichten für die chinesische Wirtschaft könnten jedoch vom Handelskonflikt mit den Vereinigten Staaten getrübt werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.