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Berlinale 2014 : Die Kunstretter

George Clooney und Matt Damon am Abend auf dem roten Teppich in Berlin, kurz vor der Vorführung des Films „Monuments Men“ Bild: REUTERS

Er kam, sah und siegte im Kampf um die größte Aufmerksamkeit: George Clooney und seine „Monuments Men“ bei der Berlinale.

          2 Min.

          Es war wieder wie bei den Dreharbeiten von “Monuments Men“ im Frühjahr vergangenen Jahres. Jeder wollte George Clooney irgendwo gesehen haben, als beschäftige der Mann diverse Avatare. Beim Essen im „Grill Royal“, beim Chillen im Soho House, am runden Tisch mit Journalisten - wo immer die Emissäre des Boulevards standen, saß auch ein Clooney.

          Peter Körte
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Aber dann kam er wirklich und leibhaftig über den roten Teppich, mit diversen Schauspielerkollegen, ging in den Berlinale-Palast, um dort, kaum war das Licht im Saal erloschen, stark verwandelt, anfangs sogar mit grauem Vollbart, von der Leinwand auf das Galapublíkum hinunterzuschauen.

          Das war der große Auftrieb für die „Monuments Men“, jenen Film, auf den alle in Berlin gespannt waren. Und weil nun mal alle George Clooney lieben, weil er überall Freunde hat, sollte man doch mal von Freundschaft reden, auch wenn der Film nicht so sehr von den kleinen Dingen des Lebens, sondern den großen Themen der Weltgeschichte handelt, von Krieg und Kunst und abendländischer Kultur. Reden wir also von der Freundschaft zwischen erwachsenen Männern, jenseits der vierzig, die Karriere und Familie haben, aber genug Abenteuerlust, um in den Krieg zu ziehen für eine gute Sache, für Europas Befreiung vom Hitler-Faschismus und für die Sonderaufgabe, Gebäude, Gemälde, Kunstschätze zu retten vor den eigenen Bomben, aber vor allem vor der Gier, schließlich der Zerstörungswut des Feindes und am Ende vor den verbündeten Russen.

          In Berlin kann man die Schauspieler Matt Damon, Bill Murray und George Clooney in ihrem Film "Monuments Men" und live erleben. Die drei sind in der Stadt - und jeder will sie gesehen haben.
          In Berlin kann man die Schauspieler Matt Damon, Bill Murray und George Clooney in ihrem Film "Monuments Men" und live erleben. Die drei sind in der Stadt - und jeder will sie gesehen haben. : Bild: dpa

          Das war die Mission der „Monuments Men“, jener Sondereinheit amerikanischer und britischer Soldaten, die im zivilen Leben Kunsthistoriker, Architekten oder Konservatoren waren. George Clooney hat das Drehbuch nach dem bekannten Buch von Robert M. Edsel geschrieben, er hat Regie geführt und produziert, und er spielt George Stout, einen Mastermind der Kunstmission. Clooney rekrutiert 1943 seine Männer fast so, wie er es als Danny Ocean in „Ocean’s Eleven“ getan hat, sie ziehen durchs verwüstete Europa, finden den Genter Altar wieder und Michelangelos Brügger Madonna, entdecken Gold, sichern Beutegut, das jüdischen Familien geraubt wurde, und zwischendurch fallen staatstragende Sätze mit hohem Pathosanteil.

          Doch die schönsten Szenen des Films sind die, in denen Schauspieler wie John Goodman und Jean Dujardin, Clooney und Matt Damon, Bill Murray und Bob Balaban plaudern und banale Dinge miteinander tun, Musik hören, einen versprengten Wehrmachtssoldaten mit Zigaretten beruhigen; oder wenn Matt Damon selbst dann noch standhaft bleiben muss, als Cate Blanchett, die eine sehr tapfere französische Kunsthistorikerin spielt, bei Kerzenschein ihren strengen Dutt löst und die Haare öffnet.

          Ungewöhnliche Helden: Szene aus dem Film "Monuments Men" mit Dimitri Leonidas, John Goodman, George Clooney, Matt Damon und Bob Balaban (von links)
          Ungewöhnliche Helden: Szene aus dem Film "Monuments Men" mit Dimitri Leonidas, John Goodman, George Clooney, Matt Damon und Bob Balaban (von links) : Bild: dpa

          Es gibt viele solcher kleinen, beiläufigen Augenblicke, die ziemlich unverbunden sind mit der großen Erzählung, aber man sieht einem George Clooney solche dramaturgische Schwächen eher nach als anderen Akteuren mit deutlich weniger Charme. Wie er auftritt, so lässig, unerschrocken, mit grauem Haar und sonorem Tonfall im Dienst des Guten, das versetzt einen zugleich zurück in Hollywoods goldene Tage, als Patriotismus und seine Feier im Kino nichts Fragwürdiges hatten. Man sieht die Gesichter, die Gesten, das ganze Verhalten freier Menschen, die für ihre und die Freiheit anderer kämpfen, und im Rückblick, nach Vietnam, Abu Ghraib oder den Exzessen der NSA, verwandelt sich die Welt von damals in so etwas wie eine Zeit der Unschuld.

          Clooneys Film ist diese Umformung, und er bewegt sich bis zum Ende im Modus der Nostalgie – es ist ja auch kein Wunder, dass die Generation, die den Krieg gewann, in Amerika heute „the greatest generation“ heißt.  Aber die Nabelschnur zur Gegenwart, zu Amerikas Kriegen des 21. Jahrhunderts, die in Richard Edsels Buch eine zentrale Rolle spielt, ist durchtrennt. Man kann seine Zeit im Kino sinnloser und langweiliger verbringen als mit diesen „Monuments Men“, aber all die schönen Sätze wie jener, was denn der Sieg hülfe, wenn fünfhundert Jahre Kultur vernichtet wären, die schwirren dann doch ein bisschen einsam in diesem Film herum. Und nicht mal der Fall Gurlitt, die undurchsichtige Geschichte all jener Werke, welche den alliierten Schatzsuchern entgingen, holt Clooneys „Monuments Men“ aus dem Geschichtsmuseum in unsere Gegenwart.

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