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Schauspielerin Bibiana Beglau : „Wir tragen Museumsstücke herum“

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Zum Beispiel, dass Schleppen auf Galas gefragt sind. Rihanna trug 2015 auf der Met Gala eine. Sie war mehrere Meter lang und eigelb.

Ach, wunderbar. Dazu muss man nur wissen, wie man eine Schleppe umtritt. Das ist wie auf hohen Schuhen gehen, ein bestimmter Körpereinsatz ist erforderlich. Oder man hat wie Rihanna mehrere Lakaien, die das für einen erledigen. Ich finde, das ist ein tolles Kleidungsstück, das automatisch sagt: Hier ist mein Raum. Und der befindet sich eben noch ein paar Meter hinter mir.

Damit fordert man automatisch einen Sicherheitsabstand ein?

Man sollte anderen sowieso den Raum für die Ehrung geben und abwarten, bis die Bilder gemacht worden sind. Manchmal treffen sich ja Leute auf dem Teppich. Der frühere Berlinale-Chef Dieter Kosslick hat manche Künstler minutenlang begrüßt, weil er sie ewig nicht gesehen hatte. Dann entsteht Gerangel, es kommt zum Stau.

Wie muss die Körperhaltung sein, wenn Hunderte Kameras zuschauen?

Mode ernst zu nehmen heißt auch, eine ernstzunehmende Haltung darin zu haben. Du kannst nicht einfach wie im Supermarkt gehen. Ein Blitzlichtgewitter ist nicht leicht auszuhalten. Du hältst dich selber hin, da ist keine Rolle, hinter der du dich verstecken kannst. Am besten ist, man steht fest und versucht die Bilder von sich zu geben, statt sie sich von den Fotografen nehmen zu lassen.

Frauen scheinen oft die rechte Hand in die Hüfte zu stemmen und den Rücken durchzudrücken.

Das ist wenigstens eine Ansage: Brust raus, ich mache den Raum auf. Sich ganz einfach hinzustellen und man selbst zu sein ist schwierig. Wir lassen uns alle nicht gern in die Seele gucken, betreiben dauernd Mimikry. Nur vor 200 Leuten mit Kameras geht das schlecht. Manchmal zuckt meine linke Wange nervös, wenn ich versuche, diese Situation zu bewältigen. Anderen Kolleginnen scheint das Aushalten so einer Situation in die Wiege gelegt zu sein. Nora Waldstätten oder Paula Beer schweben mit einer Leichtigkeit über den roten Teppich, unfassbar toll.

Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Mal auf dem Teppich?

Das war auf der Berlinale 2000 für „Die Stille nach dem Schuss“. Ich war aufgeregt, ängstlich, wusste nicht, was auf mich zukommt. Mit Volker Schlöndorff hatte ich einen sehr präsenten Regisseur an meiner Seite, der mich beinahe mitgeschleift hat. Mir war das alles fremd. Ich habe mich unwohl gefühlt, habe gedacht, das gehört nicht zu meinem Job.

Wie lange haben Sie diese Distanz bewahrt?

Ich habe den Teppich verachtet. Jahre später bin ich noch hintenrum rein. Ich bin doch Künstlerin, meine Arbeit soll nur für sich sprechen! Das hat sich erst gedreht, als mir aufgefallen ist, dass auf dem Teppich Leute sichtbar wurden, die wie aufgepumpt wirkten. Die solche Festivitäten nur dafür benutzten, eine Art Vorkommnis zu sein und ihren Marktwert zu steigern. Das hat mir zu denken gegeben. Ich habe viele Filme gemacht, auf die ich stolz war.

Haben Sie nach 20 Jahren Erfahrung etwas über Kleidung gelernt?

Dass sie nicht nur kleidet, sondern eine Haltungsfrage stellt. Wie ich mich mit einem Entwurf beschäftige, wie ich mich darin gebe.

Haltung forderten auch die Baftas: Das Preiskomitee bat die Gäste, nachhaltige Mode zu tragen. Gibt es solche Direktiven von der Berlinale?

Das habe ich noch nicht gehört. Grundsätzlich hat niemand das Recht, sich den letzten Goldchinchilla auf den Kopf zu setzen oder die Feder des aussterbenden Paradiesvogels zu tragen. Da liegt es in der Verantwortung von uns Schauspielern, gewisse Leute auszusparen, weil es nicht geht, fünf Iltisse für einen Pelz zu Tode trommeln zu lassen. Schwieriger gestaltet sich die Frage, wie Stoffe hergestellt werden. Ich fände es gut, wenn an meinem Kleid wirklich ein paar Näherinnen in Paris gesessen haben und nicht Kinder in Bangladesch.

Dürfen Sie die Kleider nach der Show behalten?

Natürlich nicht, sie haben einen hohen Wert, sind manchmal Unikate. Wir tragen Museumsstücke herum. Diese sind geliehen und am Abend sorgfältig zu behandeln. Ich kann die Kleider nicht einfach am nächsten Morgen in eine Reinigung geben. Mir ist es einmal passiert, dass ich auf einem Kleid mit Swarovski-Steinen einen Fleck hatte. Die Reinigung hat sich nicht getraut, die Steine abzunehmen, da ist tatsächlich beim Waschen einer abgefallen. Das Debakel musste ich Swarovski beichten. Gott sei Dank gab es kein Nachspiel. Hätte schlimmer kommen können.

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