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Deutscher Berlinale-Beitrag : Menschen als lebende Vorwürfe

Bild: Betacinema

„24 Wochen“, der einzige deutsche Beitrag im Wettbewerb der Berlinale, wirft vor allem eine Frage auf: Darf man das? Auch „Die Geträumten“ von Ruth Beckermann zeigt unrettbare Männer und Frauen.

          Man wird diesen Film scharf ablehnen. Man wird jede ästhetische Entscheidung der Regisseurin Anne Zohra Berrached dreimal umdrehen: Darf man Musik so einsetzen – tiefe Bässe beim Wassertreten schwangerer Frauen, melancholische Klaviernoten im Zweifel? Darf man, um die Distanz zu den Figuren zu zerstören, gequälte Gesichter so zeigen, als nähme man sich am suggestivsten Talkshowfernsehen ein schamloses Beispiel? Darf man von einer Frau, die sich fragt, ob sie ein Kind mit Down-Syndrom, ein Kind mit schwerem Herzfehler bekommen will, in einer Bildsprache erzählen, die Technisch-Medizinisches meist ohne tröstliche Filter darbietet, aber die unscharfen Momente im Körperselbstempfinden der Hauptfigur mit geschickten Zwischenaktschleiern und Farbflecken illustriert, die fast ein neues Darstellungsgenre begründen, die Hormon-Kinematografie?

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          „24 Wochen“ ist der einzige deutsche Beitrag im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale, und dass bei der Pressevorführung viele den Saal vorzeitig verlassen haben, gehört zu den Anekdoten, an denen man das Festival messen wird. Diejenigen, die blieben, redeten hinterher vor dem Berlinalepalast teils sehr erregt – es ging um Bild, Ton, Schauspielerei, Manipulation. Was da aufflammte, waren verschobene Affekte, mit denen Kritik versuchte, etwas einzuordnen, das ästhetische Urteile nur erlaubt, wo zugleich ethische gefällt werden.

          Schwierige Vermittlung

          Anne Zohra Berrached hat solcher Einordnung in „24 Wochen“ nicht wenige Hinweise und einige Fußangeln gelegt – selbstbewusst verweist sie auf die Werkspur, die von ihrem Debüt „Zwei Mütter“ (2013) zur neuen Arbeit führt: Der alte Titel wird hier sogar ausgesprochen, es gibt die zwei Mütter auch in „24 Wochen“ kurz, und viele Szenen haben ein Gedächtnis: Berrached zeigt abermals Sex, der das Einanderbrauchen der Liebenden sichtbar macht – der Mann, unten, sieht auf eine Art zur Frau auf, die schon alles über die Intimität zweier vorbehaltlos Vertrauter verrät, die später so sehr ins Rutschen kommt –, und wiederholt riskiert diese Regie das gefährliche Spiel mit dem Wechsel vom trockenen Licht der Außensicht zum fließenden Licht der spirituell brennbaren Flüssigkeiten in den Menschen, von der Libido übers Herzblut bis zum Fruchtwasser.

          Ein Arzt sagt, als den Eltern eröffnet wird, wie es um ihr Ungeborenes steht, sie müssten Natur und Schicksal respektieren. Eine Beraterin erklärt dem Vater später, rechtlich gesehen liege die Entscheidung bei der Frau. Dies genau ist die Grenze, an deren Härte der Rezensent seine auch hinterher nicht aufhebbaren politischen Einwände gegen diesen Film überprüfen muss. Denn „24 Wochen“ weiß da etwas, was Filme über schwere Schicksale selten wissen, weshalb der Rezensent sie meist nicht mag: Dass zwischen einerseits dem, was Menschen einander gewähren und abverlangen, nämlich Rechten oder Pflichten, und andererseits dem, was Höhere Gewalt ist, ästhetisch kaum Vermittlung statthaben kann.

          Es gibt kein Recht auf Gesundheit

          Deswegen irrt ja Dieter Kosslick, der Berlinale-Chef, so tragisch, wenn er das Festival unters Motto „Recht auf Glück“ stellen will. So ein Recht ist absurd: Man kann mit einem Virus oder einem Wirbelsturm nicht prozessieren, auch nicht vor dem Menschenrechtsgerichtshof. Rechte setzen Menschen Grenzen, sie fixieren, was Leute einander tun dürfen und was nicht. Es gibt ein Recht, von anderen nicht der Glücksmöglichkeiten beraubt zu werden, aber es gibt kein Recht, verschont zu werden von dem, was Menschen weder bewirken noch verhindern können. Es gibt ein solidarisches Recht auf Gesundheitsfürsorge, keins auf Gesundheit.

          Blickduell: Astrid (Julia Jentsch, links) und ihre Mutter (Johanna Gastdorf)

          Über dieser Kluft zwischen dem Menschlichen und dem Unmenschlichen spielen Julia Jentsch als Star-Kabarettistin Astrid und Bjarne Mädel als ihr Liebster Markus ein Paar, das vom Gewissensnotstand sogar gegen das schon vorhandene Kind, die Tochter Nele, in einen Schrecken gedrängt wird, den man nur dann mit der Formel „dieser Film ist für das Recht auf nichtbehinderte Kinder, wie Berracheds anderer Film für das Recht lesbischer Frauen auf Kinder war“ verkürzen darf, wenn man auch glaubt, Kriegsfilme handelten vom Recht erwachsener Menschen, einander umzubringen. Das zu bewerten, was man sonst „schauspielerische Leistung“ nennt, verbietet in dieser Erzählkonstellation das Bewusstsein davon, dass die starken physiologischen Reaktionen beim Publikum, samt Seelenzittern, zwar keine Argumente sind, aber Hinweise auf Fragen, die wichtiger bleiben als Performance-Zensuren. Die Frau fragt den Mann: „Wie lange bleibst du?“ Er sagt: „Bis zum Schluss.“

          Ingeborg Bachmann und Paul Celan: Laurence Rupp (links) und Anja Plaschg in „Die Geträumten“ von Ruth Beckermann

          Das Berlinalepublikum mag in diesem Moment an eine andere auf dem Festival gezeigte Paargeschichte denken, die in deutscher Sprache um Worte ringt, „Die Geträumten“ von Ruth Beckermann. In diesem komplexen Filmprotokoll einer Studiolesung der Liebesbriefe zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan verwandeln die Lesenden Anja Plaschg und Laurence Rupp den Text mit Blicken: Sie schaut beim Lesen etwa einmal hoch, als hoffe sie auf etwas, er kurz darauf runter, als habe er etwas verloren.

          Männer und Frauen sind mehr als Natur oder Schicksal, und Menschenschmerzen sind sehr schlimm, wenn Leidende das verlieren, was Menschen von so vielen armen Kreaturen unterscheidet: die Sprache. „24 Wochen“ und „Die Geträumten“ geben ihre Sprachlosigkeiten zu, setzen dagegen Bilder und sich damit dem Urteil aus – zwei der stärksten Momente auf dem Festival bisher.

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