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70. Berlinale : Ein (politisches) Zeichen

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Erzählerischer Minimalismus

Leicht deplatziert, ohne komplett daneben zu sein, war dann auch der silberne Bär für die beste Regie, den der Südkoreaner Hong Sangsoo erhielt. „Die Frau, die rannte“ („Domangchin yeoja“) gehörte mit seinem erzählerischen Minimalimus sicher zu den bemerkenswerten Arbeiten im Wettbewerb – aber ob das nicht eher der Chemie zwischen den Schauspielern zu verdanken war, bleibt eine offene Frage. Aber jede Jury hat halt nur eine Handvoll Preise, die sie vergeben darf, und lässt deshalb meist die Gießkanne kreisen.

Eher verschwendet waren der Preis für die belgische Komödie „Delete History“ („Effacer l'historique“), die den „Silbernen Bären – 70. Berlinale“ erhielt. Eine einigermaßen schrille Satire über Internet und Konsumterror, in der mit voller Wucht offene Türen eingerannt wurden. Vollends ärgerlich, wenn auch technisch vertretbar, war der Silberne Bär für eine „herausragende künstlerische Leistung“, der an den Kameramann Jürgen Jürges fiel für seine Arbeit in dem Film „Dau Natasha“, jenem Produkt aus Ilya Krschanowsky stalinistischen Themenpark, das mit einem unreflektierten, diffusen Begriff von Authentizität nacheinander Humanität und Kunst gleichermaßen massakriert. Diesen Preis hätte die Jury sich, uns und vor allem Jürgen Jürges, der so viele großartige Filme gedreht hat, besser erspart.

Der Alfred-Bauer-Preis, laut Ausschreibung einem Film gewidmet, „der neue Perspektiven der Filmkunst eröffnet“, war in diesem Jahr ausgesetzt worden, nachdem die Wochenzeitung „Die Zeit“ kurz vor Festivalbeginn Bauers von ihm geschickt verschleierte Aktivitäten in der Reichsfilmintendanz des nationalsozialistischen Regimes aufgedeckt hatte. Eine Publikation der Deutschen Kinemathek über Alfred Bauer war zurückgezogen worden, weil sie ganz offenkundig keine neue Perspektiven auf den Gründungsdirektor der Berlinale hatte eröffnen mögen.

Nicht lang hadern

Die Festivalleitung hat inzwischen mit einer umfassenden Klärung von Bauers Rolle im Nazi-Apparat das renommierte Münchener Institut für Zeitgeschichte beauftragt. Ob der Preis unter anderem Namen im nächsten Jahr wieder verliehen werden soll, wird sich zeigen.

Mit Juryentscheidungen sollte man im Übrigen nicht lange hadern, man könnte sonst auch das Wetter dafür kritisieren, dass es so ist, wie es ist. Die angeblichen Favoriten auf die Bären, in deren Namen oft nur eine ganz andere Preisverteilung eingefordert wird, hatte es ja nicht wirklich gegeben. Es sei denn als persönliche Vorliebe, die ein Kollege oder eine Kollegin in seinem/ihrem Medium bekanntgegeben hat und die noch drei bis vier Leute, die er/sie kennt, teilen. In aller Regel bleiben die Ratschlüsse der Jurys unerforschlich. Und man ist froh, wenn sie, wie in diesem Jahr, eine Entscheidung trifft, die zwar nicht mutig ist, aber richtig.

Für ein Urteil, wie sich die neue Doppelspitze Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian bei ihrer ersten Berlinale geschlagen hat, ist das auch völlig unerheblich. Wie oft hat bei Festivals mit einem starken Programm denn nicht schon der „falsche“ Film gewonnen? Sicher häufiger, als man sich erinnern möchte. Rissenbeek und Chatrian haben mit dieser 70. Berlinale ein Zeichen gesetzt: Dieses Festival bewegt sich doch. Und es wäre zu wünschen, dass sie sich damit noch nicht zufriedengeben.

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