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Berlinale : Wo liegt denn hier das sterbende Tier?

Es brennt kein Licht: Penelope Cruz und Ben Kingsley in „Elegy” Bild: REUTERS

Im Wettbewerb der Berlinale: Ein Familienfilm mit Julia Roberts und Isabel Coixets Philip-Roth-Verfilmung „Elegy“ mit Penelope Cruz und Ben Kingsley. Während der erste am Mainstream zugrunde geht, zeigt sich im zweiten ein altes Kinoproblem.

          3 Min.

          In Dennis Lees Film „Fireflies in the Garden“ hat Julia Roberts einen erstaunlichen Auftritt. Sie sieht zwanzig Jahre älter aus, lässt sich auf dem Beifahrersitz eines Porsche von Willem Dafoe zusammenstauen und stirbt nach zwölf Minuten. Anschließend widmet sich der Film allerdings ausführlich der Lücke, die ihr Tod aufreißt, sowie - in Rückblenden - ihrem Leben als Mutter und pflichtbewusster Ehefrau, so dass von einer dramaturgischen Vernachlässigung von Mrs. Roberts keine Rede sein kann. Da außerdem ihr Ehemann Daniel Moder die Kamera führt, darf man „Fireflies in the Garden“, der mit deutschem Geld in Texas gedreht wurde, auch in dieser Hinsicht als Familienfilm bezeichnen. Und genau das will er auch sein.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In Hollywood, wo jede Story ihre Schublade hat, bilden Filme wie „Fireflies“ ein eigenes Genre. Sie laufen alljährlich zwischen Erntedank und Weihnachten an, spielen fast durchweg in Villenvororten und nehmen lange Umwege zum gesetzlich vorgeschriebenen Happy-End. Einen solchen Film hatte Dennis Lee im Sinn, als er Emily Watson, Carrie-Anne Moss, Hayden Panettiere und eben Roberts und Dafoe vor die Kamera holte, und auf dem Papier klingt die Sache auch einigermaßen plausibel. Tante Lisa stirbt in Onkel Charlies Auto, als dieser seinem Neffen auf der Straße ausweichen muss, und nun versammeln sich alle nur irgendwie miteinander Verwandten zur Trauerarbeit. Briefe werden ausgekramt, Rechnungen gesichtet, und es kommen Dinge zum Vorschein, die seit Jahrzehnten in Kisten und Kästchen geschlummert haben.

          Papierdrachen im Gebüsch

          Dort hat offenbar auch Dennis Lees Drehbuch gelegen, denn es bringt ein Familienbild auf die Leinwand, das mit der Realität so viel zu tun hat wie eine Marmeladewerbung mit der täglichen Schlacht am Frühstückstisch. Die Rückblenden spielen, nach dem Gehabe der Figuren zu schließen, in den frühen sechziger Jahren, aber die Kinder von damals sind als Erwachsene höchstens Ende dreißig, so dass der ganze Film in einer Zeitschleife gefangen scheint, in der er wie ein verirrter Satellit um sich selbst kreist. Und wie stets ist die formale Unglaubwürdigkeit auch eine inhaltliche. Um Inzest, Ehebruch, Elterngewalt und kindliche Rebellion soll es in „Fireflies“ gehen, aber man sieht immer nur Schnipsel von alldem, thematische Fetzen, die sich in den lindgrün und rostbraun getönten Idyllen des Kameramanns Moder-Roberts verfangen haben wie Papierdrachen im Gebüsch.

          In Berlin, wo „Fireflies in the Garden“ mit zwei Stunden Spieldauer angekündigt worden war, kam der Film mit fast zwanzig Minuten weniger ins Ziel, was aber keineswegs der belebenden Wirkung der frühlingsmilden Februarluft zuzuschreiben ist. Viel eher möchte man annehmen, dass die Produktionsfirma die Inzest-Episode zwischen Tante Jane und dem kleinen Michael - es gibt in diesem Film Tanten wie auf Helgoland Möwen - aus Gründen der Mainstreamtauglichkeit kräftig zurückgestutzt hat. Damit aber bricht sie einer Geschichte, die sowieso kaum gehen kann, zusätzlich die Beine. Man könnte „Fireflies“ vermutlich auch von hinten nach vorne anschauen, ohne dass einem etwas abginge, was den zusätzlichen Vorteil hätte, Julia Roberts erst am Ende sterben zu sehen.

          Ein altes Kinoproblem

          In Isabel Coixets „Elegy“ würde diese Umkehrung nicht funktionieren. Hier geht alles seinen tragischen Gang, in schicksalshafter Unvermeidlichkeit, auch wenn man sich manchmal fragt, was genau an dieser Amour fou zwischen einem alternden Literaturprofessor und einer jungen Studentin eigentlich unvermeidlich - oder zumindest ungewohnt - sein soll. Aber die Vorfreude auf Coixets Philip-Roth-Verfilmung mit Penelope Crúz und Ben Kingsley in den Hauptrollen war zu groß, als dass man sich von der Stereotypie der Story hätte irritieren lassen. Man sieht also Kingsley, einen geschiedenen, promisken Zyniker kurz vor der Pensionierung, seine Vorlesung halten, und plötzlich sitzt die Spanierin (hier spielt sie eine Exilkubanerin) im Publikum. Sie lernen sich kennen, er lädt sie ins Theater ein, sie folgt ihm in seine Wohnung. Und dann geschieht etwas Überraschendes: nämlich nichts. Das heißt, rein physisch passiert natürlich alles, was Roths Roman „Das sterbende Tier“ behauptet, aber in den Figuren brennt kein Licht. Es ist, als hätte die bläuliche Düsternis, in die das New Yorker Apartment des Professors getaucht ist (Kamera Jean-Claude Larrieu), auf Kingsley und Crúz abgefärbt. Selbst wenn sie nackt sind, gehen sie so förmlich miteinander um, als schauten ihnen ihre Ehepartner bei der Szene zu. Wenn man nach der emotionalen Temperatur geht, dann hätte Ben Kingsley diese Liebesgeschichte mit Dennis Hopper erleben müssen, der den besten Freund des Professors spielt und mit dem er beim Bälledreschen im Squash-Court so entspannt plaudert wie Philemon einst mit Baucis in ihrer Hütte.

          Es gibt ein altes Kinoproblem mit den Büchern von Philip Roth. Es hat damit zu tun, dass die Geschichten fast alle Monologe sind. Sie beschreiben nicht die Welt, sondern einen Blick auf sie. Der Erzähler, ob er Zuckerman oder (wie hier) Kepesh heißt, ist kein verlässlicher Zeuge, sondern parteiischer Betrachter eigenen wie fremden Leidens. Eine Adaption, die diesen Namen verdiente, müsste das Risiko eingehen, ihre Helden lächerlich zu machen. Sie müsste ungefähr so von außen auf sie schauen, wie Patrice Chéreaus „Intimacy“ auf das Liebespaar geschaut hat, illusionslos, präzise, kalt und glühend zugleich. Isabel Coixet hat dieses Risiko gescheut. Ihr Film macht diese unmögliche Liebe nicht wahr, sondern erstickt sie in edlen Bildern. Schöner hat man Penelope Crúz nie leiden gesehen. Sinnloser auch nicht.

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