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Berlinale-Wettbewerb : Jenseits handelsüblicher Trostprogramme

Boat People: Damien Nguyen und Bai Ling in „Beautiful Country” Bild: Berlinale

Gefangen auf der Überfahrt, gefangen im Zuchthaus: Im Wettberb der Berlinale laufen Filme des Norwegers Hans Petter Moland und der dänischen Regisseurin Annette K. Olesen.

          Die großen Filmfestivals sind genau der richtige Ort, um die im Kino oft verpönte Frage nach der Wahrheit hinter den Bildern zu stellen. Schließlich ist es doch ein ziemlicher Unterschied, ob ein Film wie John Boormans Wettbewerbsbeitrag "The Country of My Skull" oder Patty Jenkins' "Monster" nach einer wahren Geschichte entstanden ist oder ob er, wie die im Forum gezeigte Dokumentation "Memories of Rain" von Gisela Albrecht und Angela Mai, diese Geschichte tatsächlich erzählt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Auch "Memories of Rain" handelt von einer weißen Frau und einem farbigen Mann, die gemeinsam gegen die Apartheid kämpfen, aber anders als bei Boorman schlafen sie nicht miteinander. Stattdessen sieht man die unendliche Mühe, die es kostet, einem Unrechtsstaat zu widerstehen, den jahrelangen Verzicht auf Heimat, Sicherheit und privates Glück, den die beiden leisten, um ihren Überzeugungen gemäß zu leben. Boormans weichzeichnerische Fiktion wirkt noch obszöner angesichts dieses Films, der ihr den Spiegel der historischen Tatsachen vorhält.

          Verfilmung vieler wahrer Geschichten

          Auch Hans Petter Molands "Beautiful Country" ist die Verfilmung einer wahren Geschichte - vieler wahrer Geschichten, um genau zu sein, denn die Odyssee des Vietnamesen Binh von Ho-Chi-Minh-Stadt nach Sweetwater, Texas, von der Molands Film erzählt, ist nur eins von unzähligen Flüchtlingsschicksalen zwischen Asien und Amerika. Binh, der einen amerikanischen Vater hat, wird in seiner Heimat als Mischlingskind verachtet; zuerst schlägt er sich als Fischer auf dem Land bei Verwandten durch, dann sucht und findet er seine Mutter, die ihn als Hausgehilfen bei einem kommunistischen Funktionär unterbringt, aber nach einem tragischen Unfall muß er über Nacht das Land verlassen.

          Mit seinem Halbbruder Pham landet Binh in einem Flüchtlingscamp in Malaysia, wo er die Chinesin Ling kennenlernt, die sich für die Wachsoldaten prostituiert und wie er nach Amerika will. So entsteht eine Art Notgemeinschaft, doch bei der Ozeanfahrt auf einem rostigen Seelenverkäufer stirbt der kleine Pham, und in New York, wo sie für ihre Schlepper Sklavendienste leisten, verlieren sich Binh und Ling aus den Augen.

          Zwischen Flüchtlingstragödie und Familiendrama

          Nach knapp zwei Stunden ist der Film dann endlich in Texas angekommen, und nun hat er noch genau zehn Minuten Zeit, um die Begegnung zwischen Binh und seinem verschollenen Vater zu zeigen, auf die er von Anbeginn angelegt ist. Das kann natürlich nicht klappen, obwohl Nick Nolte als alter, blinder Cowboy Steve einen Granitfelsen rühren könnte, und so ist "Beautiful Country" ein seltsamer Zwitter geworden, ein Film, der zwischen Flüchtlingstragödie und Familiendrama hin- und herpendelt, ohne sich richtig für eines von beiden entscheiden zu können.

          Die Vorlage zu Hans Petter Molands Film hat der amerikanische Regisseur Terrence Malick geschrieben, und offenbar hat der Norweger Moland zu seinem amerikanischen Drehbuchautor und Koproduzenten ein ähnliches Verhältnis wie Binh zu seinem Vater. Man merkt, wie er Malicks metaphorischen Regiestil nachzuahmen versucht, aber anders als bei Malick selbst - dessen Kinodebüt "Badlands" von 1976, eine tief melancholische "Easy Rider"-Paraphrase, zur Zeit in der Retrospektive der Berlinale gastiert - wirkt die visuelle Schönheit bei Moland wie aufgeklebt, sie ist in "Beautiful Country" am falschen Ort. Am gelungensten ist der Mittelteil des Films mit seiner Schilderung der Schiffshölle, aus der es für die verhungernden boat people kein Entkommen gibt. Vor einem Jahr hat der Brite Michael Winterbottom mit einer Flüchtlingsgeschichte den Goldenen Bären gewonnen. Für Moland dürfte diese Auszeichnung ein ferner Traum bleiben.

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