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Berlinale-Wettbewerb : Jenseits handelsüblicher Trostprogramme

Anders sieht die Sache für Annette K. Olesen aus, deren zweiter Spielfilm "Forbrydelser" (In deinen Händen) ebenfalls im Berlinale-Wettbewerb läuft. Schon mit seinem ersten Bild, einem Zertifikat der dänischen Dogma-Prüfstelle, stellt sich "Forbrydelser" in eine Tradition der filmischen Wahrheitsfindung, die als Gegenmodell zum klassischen Kinoerzählen à la Moland und Malick begründet wurde. Allerdings hat der Film diese Bescheinigung auch bitter nötig, denn man sieht ihm seine Dogma-Herkunft kaum an. Planvoll, bedächtig, in schlichten, mit ruhiger Hand aufgenommenen Einstellungen erzählt "Forbrydelser" eine Geschichte von Schuld, Gewissen und Verantwortung, deren Nachwirkung über die kurze Dauer eines Kinovormittags hinausreicht.

Forbrydelser, Verbrecher, das sind die Insassen der Frauenhaftanstalt, in der Anna (Ann Eleonora Jørgensen) ihre neue Stelle als Gefängnispfarrerin antritt. Gerade ist auch Kate (Trine Dyrholm) aus einer anderen Anstalt hierher verlegt worden. Kates selbstsicheres Auftreten wie Annas ungewohnter Predigtstil spalten die Insassenschaft in Verächter und Bewunderer. Bevor er die beiden Frauen in einem dramatischen Finale aufeinandertreffen läßt, verfolgt der Film zunächst zwei ganz verschiedene Fäden. Einerseits knüpft Kate eine zarte, unerfüllte, gleichwohl verbotene Beziehung zu einem Wärter an.

Momente zwischen Glauben und Zweifel

Andererseits erwartet Anna nach langen, vergeblichen Bemühungen, schwanger zu werden, endlich ein Kind, das sich jedoch als genetisch geschädigt und möglicherweise fehlgebildet erweist. Schließlich kommt heraus, daß Kate, die über den Grund ihrer Inhaftierung beharrlich schweigt, ein Geheimnis hütet, das mit Annas Gewissensnöten vor der Frage, ob sie das Ungeborene abtreiben lassen will oder nicht, auf bedrückende Weise verbunden ist. Am Ende ist es ein einziger Augenblick, der über den tragischen oder glücklichen Ausgang der Geschichte entscheidet - ein Moment zwischen Glauben und Zweifel, der endlos in der Schwebe zu hängen scheint, bevor er sich schließlich zur dunkleren der beiden Lösungen neigt.

In Berlin gab es Zuschauer, die dem Film seinen Schluß vorhielten, als wäre es die Aufgabe des Kinos, jenen Trost zu spenden, den die Pfarrerin Anna nicht findet. Tatsächlich kann man sich bei Annette Olesen keinen netten Abend machen, aber dafür wird man hier mit einer Heftigkeit in den Tumult des Lebens geworfen, die angesichts der handelsüblichen Trostprogramme etwas Befreiendes hat.

Besser ein Bilderbuch

Wie die besten Filme Ingmar Bergmans reißt "Forbrydelser" einen Abgrund auf, der bis in die Tiefe der menschlichen Existenz reicht - den Abgrund zwischen Glauben und Zweifel, Wissen und Vertrauen. Indem sich die Pfarrerin gegen ihren Glauben entscheidet, zerstört sie nicht nur das Leben, das in ihr heranwächst, sondern auch das ihrer Schutzbefohlenen Kate. Daß der Film sie dafür nicht verurteilt, gehört zu den Qualitäten, die "Forbrydelser" aus dem Wettbewerb dieses Festivals herausheben.

Im Panorama-Programm lief unterdessen M. X. Obergs Film "The Stratosphere Girl", eine deutsch-italienisch-englisch-schweizerisch-französisch-niederländische Koproduktion, die in Japan spielt und alle Nachteile einer ortlosen kinematografischen Fingerübung in sich vereint. Angela (Chloé Winkel), eine elfenhafte Comiczeichnerin, kommt nach Tokio, wo sie sich in einem Nightclub als Konversationsdame betätigt und nebenbei mit weichem Stift und spitzen Fingern dem Schicksal einer verschwundenen Kollegin nachspürt. Das ist die Idee des Films, aber eine Geschichte wird nicht daraus, denn Oberg interessiert sich so sehr für die Zeichenkünste seiner Figur, daß er darüber die Figurenzeichnung vergißt. Die Wahrheit über diesen Film ist wohl, daß er besser ein Bilderbuch geworden wäre. Aber das kann man über viele sagen.

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