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Berlinale-Wettbewerb : Angelopoulos' Geschichten aus der Stadt im See

„Die Erde weint” Bild: Berlinale

"Die Erde weint" ist ein reifes Zeugnis der Kunst von Theo Angelopoulos. Der griechische Regisseur darf er durchaus hoffen, Berlin mit einem Bären im Gepäck zu verlassen.

          Theo Angelopoulos sitzt auf einem Sofa im Berliner Marriott-Hotel und lächelt. Heute läuft sein neuer Film "Trilogie: Die Erde weint" im Wettbewerb der Filmfestspiele, und Angelopoulos hat allen Grund, fröhlich zu sein. Er steht nicht unter dem Druck, einen Preis auf diesem Festival zu gewinnen, schließlich hat er erst vor sechs Jahren für "Die Ewigkeit und ein Tag" in Cannes die Goldene Palme bekommen. Andererseits darf er durchaus hoffen, Berlin mit einem Bären im Gepäck zu verlassen, denn "Die Erde weint" ist ein reifes Zeugnis seiner Kunst, ein Spätwerk, das den geschichtsphilosophischen Blick des griechischen Regisseurs zu neuen Höhen treibt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Ein halbes Menschenalter zwischen 1919 und 1949 umspannt der Film, einen Krieg, einen Bürgerkrieg, eine Diktatur, und wie immer bei Angelopoulos wird die Vergangenheit in großen, visionären Tableaus ausgestellt. Aber zum erstenmal seit seinem Kinodebüt "Rekonstruktion" (1970) stellt der Regisseur, der zuletzt gemeinsam mit Bruno Ganz, Harvey Keitel und Marcello Mastroianni einsame Männer auf einsamen Reisen porträtiert hat, wieder eine Frau in den Mittelpunkt der Erzählung, das Flüchtlingskind Eleni (Alexandra Aidini), das in einem von Griechen aus Rußland erbauten Dorf bei Thessaloniki aufwächst, zwei Söhne gebiert, die im Bürgerkrieg sterben, und am Ende in den Ruinen des Ortes zusammenbricht, Schmerzensmutter eines brudermörderischen Landes.

          Proportionen der Geschichte

          Frauen, sagt Angelopoulos, seien besser geeignet als Männer, geschichtliches Leid zu spiegeln, weil sie es eher erduldeten als verursachten, weil sie auf keiner Seite stünden als auf der ihrer Männer und Kinder - und daß er beim Schreiben des Drehbuchs an seine Mutter gedacht habe und die anderen Frauen seiner Familie, welche die Zeit noch erlebt hätten, von der sein Film erzähle. Tatsächlich ist "Die Erde weint" eine Lektion in weiblicher Symbolik, von den halbüberfluteten Marschwiesen, über die die Flüchtlinge aus Odessa im ersten Bild der Kamera entgegenschreiten, über das Meer von wehenden weißen Bettlaken, zwischen denen eins der Opfer der Machtübernahme des Generals Metaxas seinem Tod entgegentaumelt, blutige Spuren auf dem Stoff hinterlassend, bis zu dem künstlichen See von Kerkini, in dem das Exilantendorf am Schluß versinkt, als kehrte es in den Schoß der Erde zurück.

          Hier und im Hafen von Thessaloniki hat Angelopoulos gewaltige Außenbauten errichten lassen, die größten Sets, die es je in einem Film von ihm gegeben hat. Mit dem Umfang der Gebäude haben sich auch die Proportionen der Geschichte verändert, sie wirkt statischer, ortsgebundener als in früheren Angelopoulos-Filmen, zumal dem "Bienenzüchter" und der "Landschaft im Nebel". Die Architektur der zwanziger Jahre, sagt der Regisseur, sei aus den griechischen Städten fast vollständig verschwunden; um sie zeigen zu können, mußte er sie rekonstruieren. Die Holz- und Ziegelquartiere waren für sein Team, was sie auch für die Flüchtlinge damals waren: Transitorien, Wartesäle, Orte des Übergangs zwischen Einst und Jetzt.

          Kein geringer Plan

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