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Berlinale : Was man nicht sagen kann, davon muß man sprechen

Kleine Albtraummusik: Karmakars „Die Nacht singt ihre Lieder” Bild: Berlinale

Weil es im Kino auch um das geht, was sein könnte, verbindet Romuald Karmakars Film "Die Nacht singt ihre Lieder" und Cédric Kahns "Schlußlichter" mehr, als man glaubt.

          Als am vergangenen Sonntag die Hasser des deutschen Films auf die Bühne der Berliner Akademie der Künste traten, waren das wie durch ein Wunder dieselben Akteure, welche die deutsche Filmakademie ins Leben gerufen haben. Das ist für Außenstehende ein bißchen schwer zu begreifen, weil wohl keine Filmakademie der Welt sich bei einer öffentlichen Zusammenkunft fragen würde, was man am einheimischen Film hasse, aber es ist vermutlich ein sehr deutsches Symptom, das da mit Freudscher List ans Licht drängte.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es erklärt auch ganz gut, warum ein deutscher Filmemacher wie Romuald Karmakar es so schwer hat, seine Filme zu machen. Der Achtunddreißigjährige, der seit Jahren den kleinen Grenzverkehr zwischen Dokumentar- und Spielfilm pflegt, ist ein Außenseiter des Betriebs, und er ist mit seiner Art, überall anzuecken, zugleich dessen Albtraum. Er tut, wovor die anderen Angst haben, weil er die Spielregeln dieser Konsensgesellschaft, die sich noch im inszenierten Selbsthaß einig ist, nicht akzeptieren mag, ohne ihnen deshalb entkommen zu können.

          Mischung aus Gönnerhaftigkeit und Ignoranz

          "Der leichte Weg ist immer vermint", hat Karmakar vor Jahren mal gesagt. Von diesem Satz ist er bis heute nicht abgerückt. Seine Filme polarisieren und ziehen damit Aufmerksamkeit auf sich. So ist er nun immerhin in den Wettbewerb der Berlinale geraten, auch wenn es lange Zeit nicht so aussah, als würde aus "Die Nacht singt ihre Lieder" überhaupt jemals ein Film werden, weil mehr als ein halbes Dutzend Fernsehanstalten und Filmfördergremien Karmakars Anträge ablehnte und aus den Begründungen genau jene Mischung aus Gönnerhaftigkeit und Ignoranz sprach, für die man die deutschen Filmverweser hassen könnte.

          Karmakars Film ist ein Horrorfilm. Er verbreitet Schrecken und am Ende, ganz genregerecht, heimliche Erleichterung unter jenen, die ihn abgelehnt haben, weil sie glauben, daß man einen guten deutschen Film daran erkennt, daß man ihn auch zur Prime Time im Fernsehen ausstrahlen könnte. Und er verbreitet Schrecken auf der Leinwand - ohne Erleichterung. Das Medium des Horrors sind die Worte, die der junge Mann und die junge Frau sprechen. Man ahnt, daß sie das gleiche schon oft gesagt haben, immer wieder, daß sie es nicht mehr hören können und sich doch immer noch anhören müssen.

          Dialoge wie Schußwechsel

          Sie reden nicht wie auf dem Theater, aber sie reden auch nicht wie in den gängigen Dialogen des mittleren Kinorealismus. Was sie nicht ausdrücken können, davon müssen sie unablässig sprechen. Man könnte an David Mamets Stücke und Filme denken, in denen die Worte wie Kugeln und die Dialoge wie Schußwechsel sind. Doch bei Karmakar sind die Waffen stumpf vom häufigen Gebrauch, und die Wunden, welche das Paar einander beibringt, sind solche, die stumpfe Gegenstände hinterlassen. Keine scharfen Schnitte, keine sauberen Einschüsse, eher böse Platzwunden.

          "Die Nacht singt ihre Lieder" ist eine Adaption von Jon Fosses gleichnamigem Theaterstück. Ein junges Paar mit Baby, die Eltern, der Freund der Frau. Der Film spielt in Berlin-Mitte, aber das ist nur eine Chiffre. Der Mann ist Schriftsteller, aber er hat noch nie etwas veröffentlicht, und vermutlich hat der Suhrkamp Verlag, dessen Briefpapier im Film auftaucht, sein Manuskript mit Recht abgelehnt. Mit der ersten Szene ist das ganze Elend da. Anne Ratte-Polle, welche die junge Frau spielt, steht hinter der Gardine, schaut auf die Straße, dann sagt sie einen Satz, den sie noch einige Male wiederholen wird: "Ich halte das nicht mehr aus."

          Ein Folterkammerspiel

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