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Berlinale-Retrospektive : Zauberhafte Momente aus „New-Hollywood“

  • Aktualisiert am

In den Händen des Killers - Szene aus „The Shooting” Bild: Berlinale

"New Hollywood 1967 - 1976 - Trouble in Wonderland" heißt das Thema der Berlinale-Retrospektive. Es umfaßt so ungefähr alles, was wir am Kino lieben. Die schönsten Momente jener Dekade sind hier versammelt.

          "New Hollywood 1967 - 1976 - Trouble in Wonderland", so heißt das große Thema der diesjährigen Retrospektive, das so ungefähr alles umfaßt, was wir am Kino lieben. In diesen Umbruchsjahren hat das Kino die Verhältnisse zum Tanzen gebracht, indem es ihnen ihre eigenene Melodie vorspielte. Es war eine Generation von Filmemachern, die im europäischen Kino gelernt hatte, wie man den Filmen Beine macht, und die damit das amerikanische Kino, so wie wir es heute kennen, nachhaltig verändert hat.

          Und wahrscheinlich wußten diese Wunderkinder gar nicht, was sie taten, als sie mit "Der weiße Hai" und "Star Wars" die Ära des Blockbusters einläuteten. Die Geister, die sie damit riefen, wurden sie nicht mehr los - so wurden sie ihre eigenen Totengräber. Die schönsten Momente jener Dekade haben wir hier versammelt.

          Zabriskie Point

          Welch explosive Mischung sich in New Hollywood und Old America zusammenbraute, konnte in seiner ganzen Gewalt womöglich nur ein Ausländer ermessen. Michelangelo Antonioni hatte in "Blow-up" Swinging London so erfolgreich auf den Punkt gebracht, daß er für "Zabriskie Point" Carte blanche bekam. Das kulminiert in einer siebenminütigen Sequenz, in der zur Musik von Pink Floyd alles in die Luft gejagt wird, was nicht niet- und nagelfest ist. In Superzeitlupe fliegt die Einrichtung einer Wüstenvilla auseinander, Kleiderschränke, Bücherregale, Kühlschrank, Fernseher, und man hat den Eindruck, daß sich in diesem Orgasmus all die Gewalt der späten Sechziger in einem einzigen Gedicht entlädt - ein schöneres ist fürs Kino nie geschrieben worden.

          Michael Althen

          The Long Goodbye

          Eine Kamerafahrt öffnet das Bild. Ein Schlafzimmer, ein Gitterbett, ein schlafender Mann. Er liegt da, im Anzug. Über ihm die Wand ist übersät mit Kratzspuren. Für einen kurzen Moment sieht das Bild aus wie der Schauplatz eines Gewaltverbrechens. Der Song "The Long Goodbye" ist zu hören. Jetzt springt eine Katze auf den Mann. Sie hat Hunger. Der Mann wacht auf. Er fingert eine Zigarette aus seiner Jackentasche. Er reißt das Streichholz an der Wand an. Daher all die Kratzspuren.

          Von jetzt an macht all das weiter im Film. Die Kamerabewegung. Der Song. Die Katze. Die Zigaretten. Die Kratzspuren. Später im Gesicht von Terry Lennox, dem Freund des Mannes. Die Fingernägel seiner Frau haben sie hinterlassen. Ihr Todeskampf. Er hat sie getötet. Der Rest eines Plots. Aber darum geht es nicht in diesem Film. Um den Plot.

          "Sie sind nett, Mr. Marlowe."
          "Natürlich bin ich nett. Ich bin ja auch Privatdetektiv!"

          Der Dialog ist von Leigh Brackett. Auch er ist aus der Exposition. Leigh Brackett hat schon die Howard-Hawks-Bücher geschrieben. Viel später, am Ende ihres Lebens, dann "Star Wars". Keine Drehbuchschule in der Welt könnte solch einen Dialog hervorbringen. Niemals.

          Christian Petzold

          Pat Garrett and Billy the Kid

          James Coburns Pat Garrett ist der müdeste Mann im Wilden Westen. Die silbrigen Haare sind fettig und plattgedrückt vom dauernden Tragen des Hutes. Immer wieder starrt er einfach ins Leere. Er kommt nach Fort Sumner, von wo der Film aufgebrochen ist, er geht über den Flur in Billy the Kids Zimmer. Er erschießt den wehrlosen Kid (Kris Kristofferson), dann schießt er auf sein eigenes Spiegelbild. Er setzt sich auf eine Schaukel auf der Veranda; der Kopf sinkt ihm auf die Brust, er rührt sich kaum, die Schaukel schwingt sacht, die ganze Nacht hindurch. Als der Morgen graut, reitet er fort, und ein kleiner Junge bewirft ihn mit Dreck. Er hat seinen Freund getötet, und die symbolische Selbsttötung hat das Gesetz von Santa Fé erfüllt. "Das Gesetz ist ein merkwürdiges Ding", heißt es in Sam Peckinpahs elegischem Spätwestern "Pat Garrett and Billy the Kid" (1973), in welchem mit dem Genre zugleich die sechziger Jahre verblassen.

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