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Eine halbe Woche Berlinale : Kino der schonungslosen Momente

  • Aktualisiert am

Bei der Berlinale im vergangenen Jahr war am Eröffnungsabend noch festliche Garderobe angesagt. Bild: dpa

Ein Bär unter Drogen, ein hochpolitischer Film über Wahnsinn und der große Auftritt von Lolita Chammah, der Tochter Isabelle Hupperts: Die Berlinale hat begonnen.

          Die Berlinale ist politisch, das hat man schon ein paarmal gehört: Andere Festivals setzen auf Glanz, Berlin auf Relevanz. Es will natürlich trotzdem glamourös sein. Insofern könnte man denken (und offenbar wurde das auch gedacht), dass „Django“ von Étienne Comar der ideale Eröffnungsfilm sei: Musik und Zweiter Weltkrieg, der Jazz auf der einen, die Nazis auf der anderen Seite, was kann da schon schiefgehen? Genau: einiges. Alles?

          Na ja. Man misst „Django“ natürlich an seinem Potential, am Glücks- und Leidens- und Empathiepotential dieser Geschichte des erst verletzten, dann verfolgten Künstlers, eines Sinti, an seiner wunderbaren, zum Tanzen und zum Weinen tauglichen Swing- und Bluesmusik, im Paris der vierziger Jahre, den immer die Frauen retten (die Sängerin Bea Palya spielt seine Frau, Cécile de France die Geliebte). Man sieht Reda Kateb als Django Reinhardt auf der Bühne, auf der Flucht und dann, ganz am Ende, noch einmal auf der Bühne, als Geretteter, 1945. Riesiges Potential also. Gute Schauspieler auch. Es will schon was heißen, wenn einen das trotzdem merkwürdig unberührt lässt.

          Was will uns dieses Tier sagen? Leuchtkästen auf der Potsdamer Straße

          Muss man „Django“ zugutehalten, dass es ein Debütfilm ist? Nein, denn ihm fehlt es nicht an Erfahrung, sondern an Einfällen. Die Nazis sind zu klischeehaft, die Bilder und Symbole alle zu bekannt, als dass sie einen zu neuen Gedanken über Künstler in Diktaturen inspirierten. Die Musik bleibt aber, die kann einem keiner nehmen, nicht einmal man selbst, wenn einen der Ohrwurm langsam anzustrengen beginnt. Sie ist noch da, wenn die Bilder längst verschwunden sind. Insofern alles nicht so schlimm. (jdet)

          Bären und andere Tiere

          Was ist bloß mit diesem Tier los? Hat es Drogen bekommen? Im Wald Magic Mushrooms gefressen? Warum sonst sollte ein großer, aufrecht stehender Braunbär eine knallorangefarbene, gekachelte Säule in einer Berliner U-Bahn-Station umarmen, als habe er sie mit einem Artgenossen verwechselt? Warum betritt er, auf einem anderen Plakat, einen Passfotoautomaten? Oder fährt Paternoster? Was hat auf dem Titel des Programmhefts ein Bärenfell zu suchen? Was will uns das Festival mit dieser Plakatserie sagen, nachdem der Bär bislang als Symbol, Signet oder Statue genügte?

          Ein Tierversuch dürfte es kaum sein, davor würde Berlinale-Direktor Dieter Kosslick mit seiner strikten vegetarischen Weltanschauung wohl zurückscheuen. Das Rätsel muss bleiben, der Eröffnungsempfang konnte es auch nicht lösen, es gab dort keine Bärenblutwurst wie bei Asterix, es gab, wie üblich, kein Fleisch. Es schwirrten viele Fragezeichen durch die Luft wegen des Eröffnungsfilms, der den bekannten Gediegenheitsschock auslöste, dem meist nur mit Alkoholinfusionen beizukommen ist. Es liefen zwei Meter große Transvestiten auf Heels durch die Menge, die auch JB17 alias Jérôme Boateng mühelos überragten, und Claudia Roth trug ein Oberteil, auf dem in goldenen Buchstaben „Unpresidented“ stand. Ein bisschen Spaß müsse sein in diesen Tagen, da die Welt so irre sei, hatte Kosslick schon vorab gesagt; es konnte nicht verbindlich geklärt werden, ob auch das Oberteil in diese Rubrik fällt. Manche hielten es für ein politisches Zeichen.

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