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Berlinale : Ich hab' noch eine Meinung in Berlin

Catherine Deneuve in „Les temps qui changent” Bild: AP

Ein gewohnt umstrittener Eröffnungsfilm, eine Suche nach neuen Stars und viele moralische Geschichten. Die Berlinale und die Frage: Wie kommt Catherine Deneuve ins „Hotel Ruanda“?

          6 Min.

          Es ist kurz vor halb zehn, und auf einmal bekommt es diese künstliche kleine Kinowelt, die sich Berlinale nennt, an diesem Freitag abend mit der Realität zu tun.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Der Beauftragte von Amnesty International ist auf die flache, viel zu große Bühne im Ballsaal des Hotels „Adlon“ gestiegen. Er hat sich an das einsame Mikrophon gestellt, er hat an den Genozid in Ruanda erinnert, er hat von der Ohnmacht der Worte geredet und fast beschwörend die Wörter „motion pictures“ ausgesprochen und sie dann noch einmal sehr langsam wiederholt, während die Kellner weiter mit Tabletts durch den Saal gehen und überbackene Shrimps und Miniburger anbieten. Es geht um Bilder, die etwas in Bewegung setzen, es geht um das „motion picture“ „Hotel Ruanda“, das an diesem Abend Premiere hat.

          Oskar Schindler von Ruanda

          Der Hauptdarsteller Don Cheadle steht am Rand, er ist für einen Oscar nominiert, neben ihm steht der Regisseur Terry George. Der Beauftragte von Amnesty bittet Paul Rusesabagina auf die Bühne, den Mann, den sie den „Oskar Schindler von Ruanda“ nennen, weil er als Manager des Hotels „Milles Colline“ in Kigali nicht nur seine Familie, sondern mehr als tausend Tutsi vor den Hutu-Milizen rettete, indem er bestach, seine Kontakte nutzte, sich unterwürfig zeigte und unbeirrbar blieb. Rusesabagina, dessen Geschichte der Film erzählt, ist klein und unauffällig, er steht sehr gerade und streckt seinen Bauch heraus.

          Er sagt ein paar Worte, dann bittet er seine Familie auf die Bühne, und es kommen nicht nur drei Kinder wie im Film, sondern acht, dazu zwei Schwiegersöhne und zwei Enkelkinder, die er alle einzeln vorstellt, und auf einmal ist es eine Familienfeier der Überlebenden. Die Gäste im Saal klatschen - aber irgendwie stehen wir alle ein bißchen da wie die Hotelgäste, die 1994 ausgeflogen wurden, wir stehen beschämt dabei; so wie die westliche Welt damals, als Hutus die Tutsis abschlachteten, und wir sind erleichtert, daß Rusesabagina jetzt in Brüssel lebt.

          Trend zu Afrika ist Unsinn

          Mitten auf der Berlinale ist die Berlinale plötzlich ganz weit weg, weil dieser Auftritt das Ritual der Pressekonferenzen, Foto Calls und roten Teppiche, der Autogrammjäger und Schaulustigen am Hintereingang des „Hyatt“-Hotels unterbricht. Das macht den Film nicht besser, aber es gibt ihm eine Wucht, die er auf der Leinwand nicht hat, weil er in aller gedämpften Drastik eben doch ein Stück Entertainment ist, weil man sich eben doch keine Bilder vom Völkermord machen kann, deretwegen elf Jahre später Menschen ins Kino kommen, die schon 1994 bei den Nachrichten kaum hinschauen mochten. Aber „Hotel Ruanda“ ist redlich, er erspart es einem, mal wieder mit einem weißen Idealisten leiden zu müssen, und er will vor allem nicht mehr sein, als er ist: eine Erinnerung und ein Appell, der auf der großen Leinwand viel kleiner wirkt als hier im Saal.

          Es wird noch einen zweiten Film über den Völkermord in Ruanda geben im Wettbewerb, und weil die Berlinale am Donnerstag mit „Man to Man“ begann, reden einige schon vom Trend zu Afrika, was natürlich Unsinn ist. Man könnte eher darüber reden, ob es nicht besser gewesen wäre, mit „Hotel Ruanda“ zu eröffnen, als mit Regis Wargniers Historienschinken, der den Wahn der Wissenschaftler geißeln möchte, die Ende des 19. Jahrhunderts in zwei Pygmäen das Bindeglied zwischen Mensch und Affen zu finden hoffen, einem Film, der auch von der Läuterung eines Wissenschaftlers erzählen will und der vor allem möchte, daß das Ganze sehr dekorativ aussieht. „Man to Man“ hat niemandem so recht gefallen, aber keiner hat sich auch sonderlich erregt beim Eröffnungsempfang, weil es nun mal zu den ewigen Gesetzen der Berlinale gehört, daß alle auf dem Eröffnungsfilm herumhacken, was immerhin den Vorteil hat, daß es beim Empfang auch etwas zu reden gibt.

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