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Berlinale Forum : Wundertäter durch Beweis

begegnung in Volker Koepps „Dieses Jahr in Czernowitz” Bild: Berlinale

Das im buchstäblichen Sinne Phantastische an Volker Koepps Heimatfilmen: Durch seine akribischen Vorbereitungen werden Funde und Begegnungen möglich. "Dieses Jahr in Czernowitz" im Berlinale-Forum.

          Was macht die Dokumentarfilme von Volker Koepp, die in zwar geringer Kopienzahl, aber dafür über Monate hinweg in deutschen Programmkinos zu sehen sind, so erfolgreich? Sind es ihre Themen, etwa die Suche nach verlorengegangener Heimat, wie sie "Kurische Nehrung", "Kalte Heimat" oder jetzt sein neuester Film "Dieses Jahr in Czernowitz" exemplarisch vorführen? Ist es der scharfe Blick auf die Fremde vor der eigenen Tür, die "Uckermark", "Frankfurter Tor" oder die "Wittstock"-Dokumentarfilmreihe prägen? Ist es gar die immer wieder erfrischende Komik, die vor allem einen Film wie "Herr Zwilling und Frau Zuckermann" (1999) ausgezeichnet hat, der zwei alte jüdische Bewohner von Czernowitz beobachtete und in der Lakonie von Frau Zuckermann und dem misanthropen Aufbrausen von Herrn Zwilling Archetypen schuf, wie sie sich ein Spielfilm nicht besser hätte ausdenken können? Nein. Der Hauptgrund für Koepps Popularität auf dem Sektor des nur als Ausnahme im Kino vertretenen Dokumentarfilms ist seine Engelsgeduld.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Nicht nur die Dauer der Dreharbeiten, auch die Länge der Einstellungen sind erstaunlich. Koepp hat das Auge für den besonderen Moment - dann, wenn jeder andere Regisseur schneiden würde. Koepp wartet ab, und diese Geduld verschafft ihm Bilder wie das des Lächelns von Johann Schlamp, einem 1914 in Czernowitz geborenen Tischler, der als beinahe Achtzigjähriger vor der Kamera seine wirklich sehr schöne Stimme mit dem Vortrag von "Dein ist mein ganzes Herz" unter Beweis stellt. Sein Lächeln nach dem Ende des Lieds ist der schönste Moment in "Dieses Jahr in Czernowitz", und dann nimmt ihn auch noch Eduard Weissmann in den Arm, der sechzigjährige Cellist des Deutschen Symphonie Orchesters, dessen jüdische Eltern sich aus Czernowitz hatten retten können.

          „Leute, die meine Mutter erlebt haben“

          Schlamp und Weissmann kannten sich vor des letzteren Besuch in Czernowitz nicht. Solche Begegnungen arrangiert Koepp immer wieder; sie bilden dann das Herz seiner Filme. Das Prinzip ist einfach und seit dem Zusammenbruch des Ostblocks geradezu ein Massenphänomen: Vertriebene, Geflohene, Verschleppte oder deren Nachkommen suchen die alte Heimat ihrer Familien wieder auf. Dort werden die Erinnerungen lebendig, weil plötzlich nicht nur Erzählungen, sondern lebende Menschen von der Vergangenheit zeugen. Katja Rainer, Tochter einer jüdischen Mutter aus der Bukowina, faßt dieses Phänomen in Koepps neuem Film so zusammen: "Mir sind nicht die Details wichtig, sondern daß es hier Leute gibt, die meine Mutter erlebt haben." Diese Selbstverständlichkeit jeder normal-bodenständigen Biographie galt bislang nicht für die Protagonisten aus "Dieses Jahr in Czernowitz", sie galt nicht für den Schriftsteller Norman Manea, nicht für das Ehepaar Weissmann und nicht für den Schauspieler Harvey Keitel, dessen Mutter aus der Nähe von Czernowitz stammte.

          Sie alle bereisten unter Koepps Kameraauge die Bukowina, und was sich jeder Rückkehrer oder Spurensucher erhofft, traf ein: Sie wurden mit offenen Armen empfangen und fanden genau, was sie suchten: die Gräber, Wohnhäuser, Nachbarn - und auch die Stellen, wo Verwandte deportiert wurden. Das aber ist auch das im buchstäblichen Sinne Phantastische an Koepps Heimatfilmen: Durch die akribischen Vorbereitungen, die der Regisseur trifft, werden solche Funde und Begegnungen möglich. Es hat etwas sehr Tröstliches, daß Reisen in die Vergangenheit derart reibungslos ablaufen: keine bösen Worte, keine vergeblichen Nachforschungen. Auch deshalb sind Koepps Filme so erfolgreich.

          Es gibt Beweise für diese Wunder

          "Dieses Jahr in Czernowitz" gelangt erst nach einer Dreiviertelstunde in der Bukowina an, wenn die Kamera über Kuppeln und Dächer der verschneiten Stadt schwenkt. Zuvor hat der Film die Reisenden in ihren neuen Heimatorten besucht: in Berlin, Wien und New York. Die Sehnsucht aber ist stets mit im Bild, etwa in Zeitungen für die Emigranten oder direkt aus der Bukowina. Auf einer Annoncenseite, die die Kamera einfängt, steht die Todesanzeige für Rosa Zuckermann; ihr und Herrn Zwilling, der 1999 starb, ist der neue Film gewidmet.

          In den Gesprächen entstehen Idealbilder von Czernowitz, und sogar diese Klischees von einem Zentrum der Toleranz und des Geistes werden später von den Bewohnern der Stadt bestätigt: von dem greisen Johann Schlamp oder der jungen Tanja Kloubert, die wie eine Personifikation des multikulturellen Images ihrer Geburtsstadt Russisch, Deutsch, Polnisch, Englisch und Französisch spricht. Allerdings verläßt schließlich auch sie, die sich als Kind vorgenommen hat, nie der Heimat den Rücken zu kehren, Czernowitz, um in Jena weiterzustudieren und einen Deutschen zu heiraten. Die Stadt hat ihrer Jugend nichts zu bieten außer dem Mythos.

          Harvey Keitel sagt bei der Stadtführung durch Czernowitz einen Satz, der das Gefühl genau beschreibt, daß Koepps Filme immer hinterlassen, ob sie nun Ostpreußen, Ostdeutschland, Polen oder wie jetzt die Ukraine in Bilder und Stimmen fassen: "Ich habe hier nicht gelebt, aber ich vermisse es." Koepps Mikrophone sind immer offen für die Geräusche des Windes, der Bäume, der Vögel und Insekten. So genau hat der Kinozuschauer nicht mehr hingehört, seit er Kind war und alles um ihn neu und spannend. Und so wird auch ihm eine Vergangenheit heraufbeschworen, die voller Wunder war. Zu gerne sieht man dabei zu, daß es Beweise für diese Wunder gibt.

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