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Berlinale: Catherine Deneuve tritt auf : Sie war Miss Bretagne

Großmutter und Enkel: Bettie (Catherine Deneuve) und Charlie (Nemo Schiffman) Bild: Wild Bunch/dpa

Eine Handlung mit vielen Nebenstraßen, scheinbar ohne Ziel: „Madame empfiehlt sich“ zeigt Catherine Deneuve als Reisende auf einem Roadtrip zu sich selbst.

          2 Min.

          Über den Spiegeleffekt des Gesichts von Catherine Deneuve, seine besondere Kühle und Glätte und die ironische Trägheit, die es selbst in den dramatischsten Momenten ihrer Filme ausstrahlt, ist so viel geschrieben worden, dass man es kaum mehr hören kann. Aber man möchte es immer wieder sehen: diese Züge, in denen mitten im Sturm Windstille herrscht; diesen Hochmut in den Mundwinkeln, vielleicht nur eine Maske der Scheu und der Angst und doch die filmische Ikone der Nonchalance, einer Haltung, die man in Wort und Bild so schwer ins Deutsche übersetzen kann.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Allein in den letzten sechs Jahren hat sich ein Dutzend Regisseure an diesem Gesicht abgearbeitet, meistens ohne großen Erfolg; nur François Ozon gelang es, in „Das Schmuckstück“ eine Rolle für Deneuve zu schreiben, in der sie sich, wenigstens in den Augen des Kinozuschauers, ganz ausspielen konnte. Die Regisseurin und Schauspielerin Emmanuelle Bercot verfolgt in „Madame empfiehlt sich“ dagegen eine ganz andere Strategie: Sie hat ihren Film vollständig um ihre Hauptdarstellerin herum konstruiert. Die Geschichte, so scheint es, sollte ihre inneren Impulse von Catherine Deneuve empfangen, nicht umgekehrt. Und vielleicht liegt es genau daran, dass der Film bei aller äußerlichen Bewegung zugleich so erschöpft und ungerührt wirkt.

          Lose geknotete Handlungsstränge

          Eigentlich sind es drei Geschichten, die in „Madame empfiehlt sich“ relativ unverbunden nebeneinanderstehen. Die erste und interessanteste handelt von Bettie, Restaurantbesitzerin in der Bretagne, die von ihrem langjährigen Liebhaber verlassen wird. Sie steigt in ihren alten Mercedes und fährt los, über Nebenstraßen, ohne Ziel. In einem Dorf, in dem alle Läden geschlossen haben, trifft sie einen Greis, der ihr beim Zigarettendrehen sein Leben erzählt. In einem Nachtklub auf dem Land lässt sie sich von einem jüngeren Mann aufreißen, der ihr am nächsten Morgen erzählt, er habe beim Liebesakt mit ihr daran gedacht, wie schön sie vor vierzig Jahren gewesen sei.

          In einer Raststätte wird sie von einem Paar, das sich zankt, beinahe verprügelt; ein Wachmann lässt sie in einem Möbellager übernachten. Es sind Szenarien der Einsamkeit, wie man sie aus Deneuves bisherigen Filmen nicht kennt, und deshalb sieht man gern dabei zu, wie sich ihr Gesicht auf die wechselnden Situationen einstellt: zornig, ungeduldig, neugierig, gekränkt, wie eine Landschaft unter Wolkenhimmeln.

          Aber da kommt schon die nächste Geschichte. Bettie muss ihren Enkel bei ihrer Tochter abholen, und obwohl Nemo Schiffman, der Sohn der Regisseurin, und Deneuve auf den ersten Blick ein ideales Gespann abgeben, hat ihr Zusammenspiel doch einen Stich ins Gefällige. Das gilt auch für die dritte Geschichte, in der die Heldin bei einem Familienfest in der tiefsten Auvergne den nächsten Mann ihres Lebens kennenlernt – ihren Schwiegervater, der gerade als Dorfbürgermeister abgewählt und als Witwer sowieso zu haben ist. La douce France, wie wir sie kennen.

          Empfehlenswert: Madame Deneuve

          Das Band, das die drei Geschichten verbindet, ist ein Fotoshooting in einem Luxushotel, bei dem sich die Schönheitsköniginnen des Jahres 1969 wiedertreffen. Bettie war damals Miss Bretagne; ein Autounfall, bei dem ihr Geliebter starb, hinderte sie daran, bei der Wahl zur Miss Frankreich anzutreten. Wer will, kann darin eine Anspielung auf den tragischen Unfalltod von Deneuves älterer Schwester Françoise Dorléac sehen. Aber die Regisseurin Bercot entwickelt das Motiv nicht weiter; wie so vieles in diesem Film. Es gibt also einige Gründe, sich „Madame empfiehlt sich“ nicht anzusehen. Und es gibt einen Grund, ihn unbedingt anzuschauen: Catherine Deneuve. Wir sind nicht fertig mit diesem Gesicht. Sein Rätsel spricht noch immer.

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