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Berlinale-Kommentar : Das Kino im Mittelpunkt

  • -Aktualisiert am

Nimmt seinen Hut: Dieter Kosslick nimmt Abschied von der Berlinale Bild: EPA

Dieter Kosslick hat die Berlinale für das Publikum geöffnet – und zu einem Ereignis mit Volksfestcharakter geformt. Nun nimmt er Abschied.

          Eines der wichtigsten Branchenmagazine der Filmindustrie verlieh Dieter Kosslick während der diesjährigen Internationalen Filmfestspiele Berlin seinen „International Film Award“. Aus diesem Anlass grüßten ihn in „Variety“ zahlreiche Firmen und Institutionen in teilweise ganzseitigen Anzeigen mit jeweils einer Variation von „Dear Dieter, Thank you – your friends“. Die großen Film-Unternehmen waren dabei, die deutschen Filmförderanstalten und die Berlinale, der er achtzehn Jahre lang vorstand, natürlich auch. Dieter Kosslick ist beliebt, jedenfalls bei vielen, und die deutsche Filmbranche ist dichtbevölkert von Leuten, die ihm etwas zu verdanken haben. Das lässt sich aus dieser Danksagungsflut schließen. Oder auch, dass das, was seine Gegner einmal das „System Kosslick“ genannt haben – und damit genau das meinten: dass er viele Freunde hat –, auch im Abschied noch funktioniert.

          Als Dieter Kosslick im Mai 2001 die Leitung der Berliner Filmfestspiele übernahm, begann eine neue Ära. Das ist bei Führungswechseln nicht notwendig so und zeigt sich meistens erst vom Ende her. Zu sagen, 2001 sei ein schwieriges Jahr gewesen, um etwas Neues anzufangen, wäre milde untertrieben. Aber seitdem wurde es nicht leichter. Das hat mit der Lage in der Welt nur insofern zu tun, als sich Gesellschaften immer noch über ihre kulturellen Grundsätze und ihre inneren Befindlichkeiten in Filmen verständigen. Wie diese Filme zum Zuschauer kommen und welche Rolle riesige Kulturevents wie die Berlinale dabei spielen, spielen können und sollen, ist die nächste Frage.

          Gesamte Branche hat sich grundlegend verändert

          Die gesamte Branche der audiovisuellen Bildherstellung und -verbreitung hat sich in den vergangenen achtzehn Jahren grundlegend verändert. Damit sind auch die Parameter eines gelungenen Filmfestivals andere geworden. Filme laufen nur noch manchmal im Kino. Stattdessen werden sie gestreamt oder sind im Museum zu sehen. Was macht ein Festival mit der Kunst, die es feiern will, wenn sich nicht mehr ausmachen lässt, welche Gestalt sie gerade annimmt? Ist die Präsentationsform, die für Filme mehr als hundert Jahre lang das Kino war, in das es vom Jahrmarkt her eingewandert war, notwendig Teil der Kunst? So dass alles, was jenseits des Kinos stattfindet, auch wenn es Film ist und von denselben Künstlerinnen geschaffen wird, bei einem Filmfestival aussortiert werden sollte?

          Die Filmfestspiele in Cannes versuchen immer noch, diese Fragen weitgehend zu ignorieren, und leben seit einigen Jahren von ihrem Kapital: ihrem Ruf, ihrer Tradition und der Côte d’Azur. Lange wird das nicht mehr gutgehen. Bei der Mostra Internazionale d’Arte Cinematografica am Lido in Venedig wurde im vergangenen Jahr mit „Roma“ ein Film ausgezeichnet, der nur im Ausnahmefall im Kino zu sehen war, weil er von dem Streaming-Anbieter Netflix für seine Abonnenten produziert worden war. Im Wettbewerb der Berlinale lief jetzt ebenfalls ein Film von Netflix – und erwartungsgemäß haben die deutschen Kinobesitzer dagegen protestiert.

          Die Berlinale unter Kosslick hat sich früher als die anderen großen Festivals damit beschäftigt, wie sich die Kunst des Filmemachens verändert. Fernsehserien haben seit Jahren ihren Platz im Programm, ebenso wie filmische Installationen. Kosslick hat das Festival für die Veränderungen, die der Film und das Kino durchmachen, offengehalten. Und er hat dafür gesorgt, dass es für das, was er zeigt, ein Publikum gibt (die Besucherzahlen haben sich in seiner Dienstzeit auf annähernd fünfhunderttausend mehr als verdoppelt) und nachwächst (mit einem ausgreifenden Programm an Filmen für junge Zuschauer).

          Was bedeutet es für die Filmfestivals, wenn Regisseure, die im Kino und auf dessen Festivals groß geworden sind und die das Kino ihrer Zeit groß gemacht haben, ihre teuren Filme nur noch als Produktionen der Streamingdienste drehen können? Sollten ausgerechnet die Festivals eine Aufführungspraxis zum Fetisch erklären, die jenseits der Festivalzeit ein Nischendasein fristet? Die Besucherzahlen der deutschen Kinos im vergangenen Jahr waren desaströs. Findet da eine völlige Entkoppelung des Festivals vom alltäglichen Kinogeschehen statt und wenn ja, wessen Problem ist das?

          Keine Veranstaltung für einige Auserwählte

          Als Kosslick in Berlin anfing, war die Berlinale das politischste der Festivals, weil sie mit ihrem Blick in den Osten lange auch die Funktion hatte, Künstler und ihr Werk sichtbar zu machen, die in ihren eigenen Ländern nicht frei arbeiten konnten. Fast jedes Jahr wird diese Aufgabe bei der Berlinale wieder abgerufen, sei es für Filmemacher aus Iran, sei es, wie in diesem Jahr, für Künstler aus China, deren möglicherweise prekäre Lage in der Absage zweier Filme im offiziellen Programm zutage trat.

          Die Berlinale ist keine Veranstaltung für einige Auserwählte, sondern ein Ereignis mit Volksfestcharakter, in dessen Mittelpunkt das Kino steht. Das Kino im Sinne von: viele Menschen im selben Saal gucken denselben Film. Aus vielerlei Gründen, von denen einer auch Dieter Kosslicks Geschmack sein mag, sind das nicht immer Filme in ihrer bestmöglichen Form. Aber das Kino lebt in diesen Februartagen wie im ganzen Rest des Jahres nicht.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

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