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Neuer Schlöndorff-Film : Requiem für einen Knaben

Begegnung am Lagerzaun: Léo-Paul Salmain als Widerstandskämpfer Guy Môquet Bild: Provobis Film

In „Das Meer am Morgen“, der auf der Berlinale deutsche Premiere feiert, erzählt Volker Schlöndorff von Ernst Jünger und verbeugt sich vor dem französischen Nationalhelden Guy Môquet.

          4 Min.

          Wenn man mit Volker Schlöndorff über Frankreich spricht, öffnet sich die Büchse der Pandora. Es gibt kaum einen Regisseur oder Schauspieler, über den Schlöndorff keine Geschichte erzählen kann aus jenen magischen späten fünfziger und frühen sechziger Jahren, in denen er Abiturient einer Pariser Eliteschule, Filmstudent, Drehbuchautor und schließlich Regieassistent bei Alain Resnais, Jean-Pierre Melville und Louis Malle war, bevor er 1965 in sein Geburtsland zurückging, um mit „Der junge Törless“ den deutschen Film neu zu erfinden.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Beispielsweise die Anekdote über Melville, der sich für „Le doulos“ („Der Teufel mit der weißen Weste“) von seinem Produzenten eine Suite im Hotel Raphaël bezahlen ließ, angeblich, um dort zu schreiben. In Wahrheit hielt er nächtelang Hof wie ein Kinokönig. Damals, sagt Schlöndorff, wusste er noch nicht, dass auch Ernst Jünger im Raphaël gewohnt hatte, in jenen drei Jahren von 1941 bis 1944, als Jünger zum Stab des deutschen Militärbefehlshabers in Frankreich gehörte. Fünfzig Jahre später, als Schlöndorff in Paris für einen Film recherchierte, in dem Jünger eine wichtige Rolle spielte, ließ er sich vom Empfangschef des Hotels die alten Gästebücher zeigen. Und siehe, da stand „Melville“ am Kopf der Seite von 1962, in schwungvoller, königlicher Schrift. Ein Foto der Eintragung hat der deutsche Regisseur auf seinem Blackberry gespeichert.

          Die Geiseln sofort erschießen

          Der Film, für den Volker Schlöndorff im Hotel Raphaël recherchiert hat, heißt „La mer à l’aube“, „Das Meer am Morgen“ und wird im Panorama der Berlinale seine deutsche Premiere haben. Zuvor wurde er bereits auf dem Filmfestival in Biarritz gezeigt, wo er beim Publikum heftige Reaktionen ausgelöst hat: minutenlanges Schweigen, dann stehender Applaus, Erschütterung, Tränen. Einige Zuschauer warfen Schlöndorff Geschichtsrevisionismus vor. Dieser verteidigte sich: Er habe einen Spielfilm gedreht und keine historische Lektion. Was steckt hinter dem Streit?

          Ulrich Matthes als Ernst Jünger

          „Das Meer am Morgen“ beginnt im Oktober 1941 in einem Internierungslager am Atlantik. Französische Gefangene, die meisten von ihnen Kommunisten, die den deutschen Besatzern in die Quere gekommen sind, vertreiben sich die Zeit mit Wettläufen und Lektürestunden. Ein Junge mit wachen, gutmütigen Gesichtszügen flirtet am Lagerzaun mit einem Mädchen. Die nächste Sequenz spielt in Nantes, wo der deutsche Stadtkommandant von zwei Attentätern mit Pistolenschüssen niedergestreckt wird. Dann sind wir im deutschen Militärhauptquartier im Pariser Hotel Majestic: Ernst Jünger (Ulrich Matthes) debattiert mit seinem Vorgesetzten General Otto von Stülpnagel (André Jung) über die Konsequenzen des Anschlags. Aus Berlin schreit Hitler nach Vergeltung: Hundertfünfzig Geiseln, lässt er durch den deutschen Botschafter in Paris mitteilen, seien sofort zu erschießen. Stülpnagel gibt eine Liste von fünfzig Todgeweihten in Auftrag, die in Nantes und dem Lager an der Küste zusammengetrieben werden sollen. Einer von ihnen ist der Junge am Zaun, der siebzehnjährige Guy Môquet.

          In Frankreich ist Guy Môquet eine nationale Legende. 2007 ernannte der frisch gewählte Staatspräsident Sarkozy den Abschiedsbrief, den der Junge kurz vor seiner Erschießung an seine Eltern und seinen Bruder schrieb, zum Schulstoff: Jedes Jahr am 22. Oktober solle Môquets letzter Gruß im Unterricht gelesen werden. Diese pädagogische Praxis hat sich inzwischen gelockert, die Verehrung für Môquet aber ist geblieben. Für die Franzosen ist er das Sinnnbild der gemordeten Unschuld. Mit seinem Tod beginnt die zweite, mörderische Phase der deutschen Okkupation. Seit 1946 trägt eine Station der Métro seinen Namen; zu Môquets fünfundsiebzigsten Geburtstag erschien eine Briefmarke mit seinem Porträt.

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