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Im Berlinale-Wettbewerb : Der letzte Tag in Afrika

Räumliche, zeitliche und schicksalhafte Entrückung: Szene aus „Aujourd’hui“ von Alain Gomis Bild: Mabeye Deme

Gedreht in einem Vorort von Dakar, ist „Aujourd’hui“ von Alain Gomis die erste Überraschung im Berlinale-Wettbewerb: ein Film über einen Mann, der an diesem Tag, heute, sterben wird.

          Filme, finanziert zumindest teilweise mit Geld aus einem afrikanischen Land, sind keine so häufigen Gäste in den Wettbewerben der großen Festivals. Dieser hier ist eine Koproduktion zwischen Frankreich (von dort kommt der Regisseur Alain Gomis) und dem Senegal (woher sein Vater stammt). Der amerikanische Musiker und Künstler Saul Williams spielt Satché, einen Mann zwischen dreißig und vierzig, der weiß, dass er heute sterben wird.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das ist archaisch, und es wird nicht in Frage gestellt. Es ist an dieser Geschichte, die uns da auf fast beiläufige Art erzählt wird, nichts Wahres dran außer - der Wahrheit der Orte (gedreht wurde in einem Vorort von Dakar) und der wechselnden Gefühle und Reaktionen auf das, was an diesem Abend geschehen wird.

          Ein Film, wie ihn Jurys lieben

          Satché ist aus Amerika zurück in seine Heimatstadt gekommen, und als er erwacht an diesem letzten Tag in seinem Leben, nimmt er sein Zimmer, die Plastikschüssel auf dem Boden, den alten Ventilator auf einem vollgestopften Regal, die Handtücher, so intensiv wahr, als sähe er all dies zum ersten Mal. Als er heraustritt, steht dort die größere Verwandtschaft herum, seine Mutter umarmt ihn und weint, er nimmt an einem Tisch Platz, als führe er den Vorsitz seiner Heiligsprechung, aber er tut eigentlich: nichts.

          Die anderen aber, sie erzählen von seinen guten und schlechten Eigenschaften, er ist völlig passiv, aber alles dreht sich um ihn. Auch als er die Familie verlässt und auf die Straße tritt, geht das so weiter - er bekommt Geschenke für seine Reise ins Totenreich, Musik spielt, es wird getanzt, gelacht, der Zug zieht durch die Gegend, die gar nichts Folkloristisches an sich hat. In und neben den Hütten ist Plastik allgegenwärtig, halbfertig gebaute Häuser säumen Straßen, die auch nur halb geteert sind, und einmal weht der Wind die leichten Plastikbecher, aus denen getrunken wurde, nach einer Feier zu Satchés Ehren sanft über den asphaltierten Hof. Was hier wispert, sind nicht die Geister.

          Doch dann wechselt der Film die Perspektive, und statt dass die Welt sich um Satché dreht wie zu Beginn, dreht sie sich jetzt an ihm vorbei. Es spielt keine Rolle, ob er seinen Ort wiedererkennt oder nicht, der Verrückte wird weiterhin den Verkehr regeln, es wird Aufstände geben und Polizeigewalt, die unfertigen Häuser werden unvollendet bleiben oder auch nicht, und von überallher wird das Billigste hier angespült werden. Die Wahrheit der Orte heißt: In diesen Bildern, die sich ihm jetzt bieten, hatte Satché nicht nach Hause zurückgedacht, das spüren wir in seinem Blick, seinem Schweigen, aber er bewegt sich dennoch wie einer, der dorthin gehört. „Aujourd’hui“ ist in seiner einfach wirkenden Form (die 24 letzten Stunden) eine komplexe Geschichte, die ohne Rückblenden auskommt und dennoch von früher erzählt (und angesichts der Bauruinen auch von später). Es ist, auch das muss man sagen, ein Film, wie ihn Jurys lieben. Berlinale-Jurys zumal.

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