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Berlinale-Filme : Wenn Sie es knacken hören, bricht das Herz

Ein herzbrecherisches Projekt: die Performance-Künstlerin Marina Abramovic macht sich zum Geschenk Bild: dpa

Marina Abramovic macht sich selbst zum Geschenk. Christian Petzold lauscht dem Soundtrack der DDR. Und Brillante Mendoza lichtet den Dschungel. Drei Filme auf der Berlinale.

          3 Min.

          Es wurde geweint, und das war dann doch erstaunlich. Denn was die Zuschauer sahen und was sie zum Weinen brachte, war nichts genuin Filmisches, sondern eine Konserve - der Dokumentarfilm "Marina Abramovic The Artist is Present" nämlich, und darin die berühmte Ausdauer-Performance der Künstlerin. Sie saß da im Rahmen ihrer großen Retrospektive 2010 im Museum of Modern Art in New York in langem roten, schwarzen oder weißen Gewand auf einem Stuhl, jeweils ein Besucher durfte auf einem zweiten Stuhl ihr gegenüber Platz nehmen, und dann schaute sie einen an. Stellte einen Kontakt her. Ließ die Zeit spürbar werden. Urteilte nicht, öffnete sich, nahm an.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Viele Menschen weinten in dieser Situation, das sah man in diesem Film immer wieder. Und die Leute im vollbesetzten Kino International weinten auch. Was im Museum geschehen war, geschah zeitversetzt auch bei jenen, die nun die Aufzeichnung sahen. Sie spürten die Verletzlichkeit und Großzügigkeit dieser Künstlerin, die sich einer unvorstellbaren Strapaze aussetzte. Immerhin saß sie drei Monate da, niemals allein, und eine Viertelmillion Menschen lief derweil durch die Ausstellung ihrer Arbeiten um sie herum. Und immer wieder, ohne Pause, nahm einer von ihnen ihr gegenüber Platz. Es war die Krönung ihres Werks, und so ist es gut, dass es diesen Film von Matthew Akers gibt, der die New Yorker Retro zum Anlass einer werkumspannenden Dokumentation nimmt. Auch wenn man, unter filmischen Gesichtspunkten, sagen muss, dass es kein großer Dokumentarfilm geworden ist, sondern streckenweise wie ein Werbefilm fürs MoMA aussieht und dann tatsächlich den Zeitraffer einsetzt, ein modischer Effekt, der jeder Intention der Künstlerin hohnspricht.

          "The Artist is Present" galt auch für diesen Abend. Als der Film vorbei war, kam Marina Abramovic auf die Bühne, die Zuschauer hörten nicht auf zu klatschen, und schließlich erschien auch ihr ehemaliger Performance- und Lebenspartner Ulay auf der Bühne, der im Film natürlich eine wichtige Rolle als Gesprächspartner und in den Videoaufzeichnungen gemeinsamer Arbeiten hat. Er sagte den Satz, der noch die letzten trockenen Augen feucht werden ließ: "This is a work of heartbreak", und damit hatte er recht.

          Leben im Misstrauen: Nina Hoss in Christian Petzolds „Barbara“

          Wie lange hätte Barbara (Nina Hoss, so spröde, als sei ihre Seele rissig geworden), die Titelheldin in Christian Petzolds Wettbewerbsbeitrag, wohl vor Marina Abramovic gesessen, bevor die Tränen geflossen wären? Wann hätte sie die Freiheit gespürt, im Blick dieser Künstlerin sein zu dürfen, wer sie ist? Genau dies nämlich darf keinesfalls geschehen in Petzolds Film, da sind Geheimnisse, Westfreunde, Fluchtpläne. Barbara ist Ärztin, kommt gerade aus der Berliner Charité in die mecklenburgisch-vorpommersche Provinz, sie wurde strafversetzt, denn sie hat einen Ausreiseantrag gestellt. Es ist das Jahr 1980. Barbara hat ihre Flucht mit einem Mann aus dem Westen geplant, er hat ihr Geld gegeben, einmal trifft sie ihn im Wald zum Sex, wozu sie einen leuchtend blauen Lidschatten aufgelegt hat, ein andermal im Interhotel, wo man spürt, dass eine Nähe zwischen den beiden kaum möglich ist - nicht mehr, noch nicht, wir wissen es nicht.

          Die Liebesgeschichte, die dieser Film neben einem Zeit- und Ortsporträt auch ist, könnte sich zwischen Barbara und ihrem Kollegen André entwickeln, aber da stehen Lügen, Verdächtigungen, Misstrauen im Weg. Die Zersetzungskräfte des Systems, wenn man so will, das Gefühl, niemandem trauen zu können, die Stasi, deren örtlicher Beamter immer wieder bei Barbara vorbeischaut und ihre schäbige Wohnung auf den Kopf stellt, bevor seine Kollegin klingelt, die die Leibesvisitation durchführt. Gegen Petzolds Film sieht "Das Leben der anderen" wie ein Boheme-Märchen aus.

          Petzold zeigt in großen Kinobildern mit der großen Geste, wie wir sie aus amerikanischen Filmen kennen: Dies ist unser Land. Mit leeren Straßen, misstrauischen Menschen und jeder Menge Krach. Selbst die Geräusche der Natur sind nervenaufreibend, das Getöse des Windes in Büschen und Bäumen wie das Klackern von Absätzen auf dem Asphalt, das Bellen eines einsamen Hundes, das Grölen eines einzigen Motors, der direkt gegenüber von Barbaras Wohnung immer wieder hält (die Stasi), das Kreischen der Türklingel oder die Schritte auf der Treppe. Es gibt einen konstanten Pegel von Lärm in der Stille des Landes, den aber niemand wahrzunehmen scheint. Es ist der DDR-Soundtrack aus Originaltönen, der einen auf die Stuhlkante zwingt wie in einem Thriller. Und die Blicke. Schroff die von Barbara, zögernd neugierig, abschätzend, werbend die von André (Ronald Zehrfeld), den Barbara verdächtigt, für die Stasi zu arbeiten. Und plötzlich ist da ein Vertrauen im Blick eines jungen Mädchen, das dringend fortwill aus diesem Land und von Barbara behandelt wird, als sie in die Klinik kommt.

          Was ist möglich zwischen Menschen, die nicht zeigen dürfen, wer sie sind? Was macht das Lügen zur eigenen Sicherheit aus diesen Möglichkeiten? Gibt es ein Gefühl ohne Offenheit, eine Offenheit in der Angst? "Barbara" fragt das nicht, sondern erzählt es, dicht, nah dran und immer wieder frei, den Blick zu öffnen.

          Durch den Dschungel: Isabelle Huppert als Geisel einer Terroistengruppe in Brillante Mendozas „Captive“

          Brillante Mendozas "Captive", der zweite ungeduldig erwartete Film des Wochenendes, erzählt hingegen nicht. Zugrunde liegt ein realer Fall im Frühjahr 2001, als islamistische Terroristen des Abu Sayyaf eine französische Entwicklungshelferin (Isabelle Huppert) und eine Gruppe anderer Menschen als Geiseln nahmen. Sieben Monate dauerte diese Entführung. "Captive" zeigt in ständigen Perspektivwechseln - einmal schauen wir aus der Blickrichtung einer hungrigen Boa - Situationen höchster Gefahr, Schusswechsel, Hubschrauberangriffe, ermüdende Märsche durch den Dschungel, eine Vergewaltigung, aber auch Ameisenhaufen, Wunden, Heilpflanzen und einen grellbunten Riesenvogel. Die Kamera bewegt sich wild, und obwohl die Fronten klar sind, ist Mendozas irrlichternder Blick nicht vernichtend, sondern sachlich und klar.

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