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Schwedens Meisterregisseur : Bergmans zwei Gesichter

  • -Aktualisiert am

Harriett Andersson war die vierte, Liv Ullmann die fünfte Lebensgefährtin des Regisseurs Ingmar Bergman, dem die Berlinale ihre diesjährige Retrospektive widmet. Beide Schauspielerinnen erzählten nun auf sorgsam getrennten Terminen von ihrem Leben mit ihm.

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          Ist ein größerer Unterschied denkbar, als der zwischen diesen beiden Frauen? Harriett Andersson und Liv Ullmann waren - trotz Ingrid Thulin und Bibi Andersson - die beiden prägnantesten Gesichter der Filme dieses vom menschlichen Angesicht so faszinierten Regisseurs. Beide waren über jeweils mehrere Jahre die Lebensgefährtinnen des Regisseurs, der für Andersson seine dritte Frau verließ und für Ullmann seine vierte; Andersson drehte neun Filme zwischen 1952 und 1982 mit Bergman, Ullmann sogar zehn. Und es wird schon seinen guten Grund haben, dass beide auf der Berlinale an sorgsam getrennten Terminen ihre Auftritte zur Bergman-Retrospektive hatten.

          Wer die beiden erlebte, weiß warum: Andersson, zwar sieben Jahre älter als Ullmann, wirkt aber immer noch ein bisschen wie ein junges Mädchen: so quicklebendi und erfüllt von einem ironischen Schalk, der sie ihrer Umgebung immer ein wenig überlegen macht, ohne sie von ihr zu distanzieren. Etwas einnehmend Ungravitätisches strahlt Andersson aus, und es ist leicht zu sehen, wie unglaublich attraktiv dieses Frau ihr Leben lang war, nicht erst wenn sie davon spricht, dass Frauen natürlich gerne „hübsche Jungen“ angucken.

          Manchmal auch verrückt

          Natürlich sei Bergman „ein bisschen boshaft“ gewesen, erzählt sie von der Arbeit, und es ist hinreichend deutlich, dass das wohl auch für Andersson selbst gilt, und vermutlich gerade die Anziehung zwischen beiden ausmachte; ebenso, dass Andersson, die in ihrem Leben über 90 Kinorollen gespielt hat, sich immer eine gesunde Distanz bewahrte, zu dem großen Manipulator, der auch ein begnadeter Gesprächspartner und Charmeur gewesen sei, aber eben auch ein einsamer kleiner Junge, der endlich spielen durfte, und dem endlich alle zuhören mussten - „manchmal auch verrückt“, und da habe es nicht immer genügt, wenn er sich kurz nach seinen Ausbrüchen dann entschuldigt habe: „Du weißt doch, wie ich bin.“ - „Ja, das wusste ich schon . . . aber trotzdem, sagt Andersson und lächelt.

          Ullmann strahlt dagegen auch heute ein wenig von der störrischen Beflissenheit aus, die jene Tochter charakterisiert, die sie an der Seite Ingrid Bergmans in „Herbstsonate“ gespielt hat. Sachlich erzählt sie von Bergmans Arbeitsweise, das man dem Meister keine Fragen stellen durfte, und sagt mehrfach, wie „ungeheuer privilegiert“ man gewesen sei, für ihn zu arbeiten.

          Die Evidenz des Augenblicks

          Immer wirkt das, als spräche hier eine Einserschülerin, und es ist leicht erkennbar, dass sich Ullmann, obwohl sie selber sechsmal Regie führte, aus dem Schatten von Bergman ihr Leben lang nie wirklich gelöst hat. Bergman, das wird auch an Peter Cowie deutlich, der beide Gespräche in Berlin moderierte, war für viele die ihm begegneten, eine lebensprägende erschütternde Erfahrung: „Er sagte, er müsse einem Menschen nur lange genug in die Augen sehen, früher oder später zeige er sein wahres Gesicht.“

          Immer habe sie neurotische Frauen gespielt, fügt Ullmann hinzu: „Ich war Ingmar“ und da ist in ihrem Gesicht beides zu sehen: Die Anstrengung die es bedeutete, zum filmischen Alter Ego des Regisseurs zu werden, und wie sehr das einer Darstellerin schmeicheln kann.

          Sie repräsentieren Bergmans zwei Gesichter: Liv Ullmann den Moralisten, den, der die düsteren Seelenqualen des modernen Menschen immer wieder aufs Neue untersucht und keinem Schmerz ausweichen will. Und Harriett Andersson das Humane seiner Filme, das Wissen um die Schwächen und die Befreiung von ihnen in der Schönheit, im Glück, in der Evidenz im Augenblick.

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