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RAF-Film im Berlinale-Wettbewerb : Energie gleich Erfahrung mal Hass im Quadrat

Zwei versehrte Seelen, die sich finden: Lena Lauzemis und August Diehl in Andreas Veiels Film Bild: Reuters

In „Wer wenn nicht wir“ erzählt Andres Veiel die Vorgeschichte des deutschen Terrorismus am Beispiel von Bernward Vesper und Gudrun Ensslin. Die Charaktere sind zwei aus der Kindheit Verstoßene, die aneinander geraten: Vesper kommt nicht ins Reine mit seinem Vater, Ensslin nicht mit ihrem Körper.

          3 Min.

          In Uli Edels „Baader Meinhof Komplex“ war Bernward Vesper auch schon zu sehen, in einer Nebenrolle. Er schob den Kinderwagen, in dem Gudrun Ensslins Baby lag, dann kam Andreas Baader ins Bild, und Vespers Rolle war ausgespielt. Die RAF, mit Baader und Ensslin als Königspaar, brauchte ihn nicht. Er blieb zurück am Wegrand der Geschichte, ein Ausgeschiedener, ein Statist.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In Andres Veiels „Wer wenn nicht wir“ ist Bernward Vesper die Hauptfigur. Der Film beginnt mit seiner Kindheit und endet kurz vor Vespers Tod durch Schlaftabletten. Dazwischen sehen wir Vesper als Studenten, Autor, Verleger, als Verlobten von Gudrun Ensslin, als Vater ihres gemeinsamen Kindes und Insassen der Psychiatrie. Woran er gelitten hat, wird schon in den ersten Szenen deutlich. Da frisst eine Katze einen Jungvogel. Die Katze gehört Bernward. Sein Vater, der völkische Dichter Will Vesper, erklärt dem Jungen, Katzen wären die Juden unter den Tieren, sie hätten in deutschen Gärten nichts zu suchen. Dann erschießt er das Tier. Bernward weint. Und Bernward schweigt.

          Andres Veiel, der Regisseur, ist der wichtigste zeitgenössische deutsche Dokumentarist, seine Filme, etwa „Black Box BRD“ oder „Der Kick“, haben Maßstäbe gesetzt. Dies ist sein erster Spielfilm. Deshalb wartet man auf den Moment, in dem „Wer wenn nicht wir“ gleichsam die Maske fallen lässt und so dramatisch, so düster und durchdringend wird wie Veiels Dokumentationen. Aber er kommt nicht. Der Film lässt ihn nicht zu. Immerhin gibt es eine Szene, in der Bernward (August Diehl) versucht, sich in der Badewanne seines Elternhauses zu ertränken. Seine Mutter (Imogen Kogge) zieht ihn heraus. Das ist schwere Arbeit, denn Vesper ist inzwischen erwachsen. Die Kamera kürzt den Vorgang ab. Später liegt der Jungdichter wie ein Embryo zusammengerollt in seinem alten Kinderbett. Was hat er gesehen im Haus seines Vaters, dass er darin sterben will? Die Kamera zeigt es nicht.

          Augenblicke der Wahrheit

          In einer anderen Szene, etwas früher im Film, sieht man, wie Gudrun Ensslin (Lena Lauzemis) aus der gemeinsamen Wohnung in eine Berghütte ihrer Familie flüchtet. Vesper hat sie mit einer anderen Studentin betrogen. Gudrun zerschlägt ein Glasgefäß, dann setzt sie sich mit dem nackten Unterkörper auf die Scherben. Anschließend läuft sie in den Wald. Bernward, der ihr nachgefahren ist, findet und rettet sie. Es sind zwei versehrte Seelen, zwei aus der Kindheit Verstoßene, die in „Wer wenn nicht wir“ aneinandergeraten: Vesper kommt nicht ins Reine mit seinem Vater, Ensslin kommt nicht ins Reine mit ihrem Körper. Vesper sucht sich selbst und schreibt einen Roman, Ensslin sucht die Wahrheit und findet die Revolte. Das Buch bleibt Fragment, der Aufstand auch.

          Andres Veiels Dokumentarfilme sind groß, weil es ihnen immer wieder gelingt, Dinge zu entdecken, die dem Blick des Mediums üblicherweise verschlossen bleiben. Das hat etwas mit Geduld zu tun. Die Augenblicke der Wahrheit bei Veiel sind die, in denen die Kamera weiterläuft, obwohl bereits alles gesagt ist. Dann kommt das Ungesagte ins Bild. In einem Spielfilm dagegen muss das Unsagbare im Drehbuch stehen. „Wer wenn nicht wir“ war ursprünglich zweieinhalb Stunden lang, Veiel selbst hat den Film auf zwei Stunden gekürzt. Vielleicht sind die Momente, die man aus seinen dokumentarischen Arbeiten kennt, mit dem geschnittenen Material verschwunden, oder sie waren von Anfang an nicht geplant. Jedenfalls fehlen sie in dem, was man sieht. Diese Geschichte, die in den Abgrund der Vorgeschichte des deutschen Terrorismus blickt, hat nichts Abgründiges, sie erzählt vom Wahnsinn eines Daseins zum Tode, als könnte man diesen Wahnsinn in sauber abgezirkelten Bildern einfangen.

          Energie = Erfahrung x Hass²““

          In den letzten Wochen seines kurzen Lebens hat Bernward Vesper seine Lebensweisheit in eine aberwitzige Formel gefasst:““Energie = Erfahrung x Hass““. Von diesem Hass, sei es auf den Vater, das Land oder das eigene Ich, ist bei August Diehl wenig zu spüren. Und in Alexander Fehlings Darstellung des Andreas Baader vermisste man die raumgreifende körperliche Präsenz dieses Mannes, der eben nicht nur Gudrun Ensslin, sondern die gesamte Frauenriege der RAF und sogar die Richter in Stammheim faszinierte. Fehling spielt einen Baader von Schiller, so wie Diehl, trotz einiger denkwürdiger Szenen, einen Vesper von Goethe gibt.

          Statt dessen erlebt man in “Wer wenn nicht wir“ die Geburt eines deutschen Kinostars. Lena Lauzemis hat einige Nebenrollen im Theater und im Fernsehen gespielt, aber darunter war nichts, was auf ihre Darstellung der Gudrun Ensslin hingedeutet hätte. Sie entdeckt in dem Tuttlinger Pfarrhausmädchen ein Amalgam aus verzehrender Sehnsucht und vernichtender Schärfe, in dem Ensslins ganzes späteres Schicksal vorgezeichnet ist. Einmal, als Vesper sie abermals betrogen hat, tritt sie aus einer Haustür auf eine sonnige Berliner Straße, und man sieht allein an ihrem Gang, dass für sie kein Weg zurück in diese Beziehung führt. Mit “Wer wenn nicht wir“ tritt Lena Lauzemis das Erbe Barbara Sukowas an, die in der „Bleiernen Zeit“ die Ensslin-Figur gespielt hat. Möge der Ruhm ihr leichtfallen.

          Dies ist kein schlechter Film. Es ist nur nicht der Film, den man von Andres Veiel erwartet hätte. Wahrscheinlich hat nicht nur er die Schwierigkeiten des Wechsels vom Dokumentarischen zum Fiktionalen unterschätzt. Genaugenommen ist „Wer wenn nicht wir“ sein zweites Kinodebüt. So gesehen, hat er mit diesem Film schon viel erreicht.

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