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Iran-Diskussion auf der Berlinale : Die Zensur ist unberechenbar

  • -Aktualisiert am

Wie funktioniert die Zensur in Iran? Willkürlich und gesetzlos. Darüber waren sich die Teilnehmer bei der Diskussion über das Land auf der Berlinale einig. Das abwesende, weil zu Hause inhaftierte Jury-Mitglied Jafar Panahi ist das Leitthema des Festivals.

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          Im Hebbel Theater mit seinem Saal für etwa fünfhundert Personen versammelten sich am Donnerstag deutlich weniger Menschen, um über Iran, Zensur, letztlich also über Jafar Panahi und Mohammad Rasoulof zu sprechen. Panahi und seine Abwesenheit als Juror ist ja so etwas wie das Leitthema des Festivals, und die Podiumsdiskussion, die vom Talent Campus (warum das eigentlich?) organisiert war, war die zentrale Veranstaltung.

          Auf der Bühne saßen die Regisseure Rafi Pitts („Der Jäger“), der eloquenteste von allen, er lebt in London; Ali Samadi-Ahadi („The Green Wave“), er lebt in Deutschland; Sepideh Farsi („Tehran Without Permission“), sie lebt in Frankreich; außerdem die Autorin und Menschenrechtsaktivistin Mehrangiz Kar. Die iranischen Regisseure, die hier mit Filmen vertreten sind und die noch in Iran leben, waren nicht dabei. Natürlich nicht.

          Wie also funktioniert die Zensur in Iran? Willkürlich, ohne gesetzlich verbindliche Grundlage. Alle hatten damit gerechnet, erzählte Pitts, dass es in den nächsten Jahren eine umfassende Reform geben würde, aber der Rückschlag nach den Unruhen im Zusammenhang mit den manipulierten Wahlen im Juni 2009 in Fragen der Freiheit von Kunst und Rede sei immens gewesen. Und die Unruhen im Augenblick und ihre mögliche Eskalation seien für die verurteilten Filmemacher eine gefährliche Entwicklung.

          Wer Fragen stellt, wird kriminalisiert

          Das liegt auf der Hand und zeigt, wie das System funktioniert – in Widersprüchen, denen keine Strategie des Protests gewachsen scheint. Denn Schweigen angesichts des Schicksals der Filmemacher ist, wenn man freie Rede ernst nimmt, keine Option. Es wurden auch Filmausschnitte aus den jüngsten Werken der Anwesenden gezeigt, mit dem Mobiltelefon gedrehte Stadtansichten von Teheran etwa, dazu den Rap „Wake Up God, I Wanna Talk to You“. Nichts also unterschied diese Veranstaltung von jeder beliebigen anderen. Man hatte erwartet, es werde einen ungemeinen Andrang geben, eine heftige Diskussion. Aber die, die gekommen waren, waren sich einig.

          Haben wir etwas Neues gehört? Eigentlich nicht. Rafi Pitts immerhin hat eine griffige Formulierung benutzt, um die augenblickliche Situation in Iran zu beschreiben. „Fragen zu stellen, wird kriminalisiert.“ In der Verfassung stehe zwar kein Frageverbot, aber allein dafür seien Panahi und die anderen verhaftet worden. Filmemacher stellen immer Fragen, sonst würden sie keine Filme machen. In Iran ist allein das schon eine politische Haltung, jeder Film, der dort entsteht, also ein politischer Film.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

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