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Deutscher Film : Das System

Ein Farbtupfer im Einheitsgrau des deutschen Fernsehens: Dominik Grafs zehnteilige Serie „Im Angesicht des Verbrechens”
          14 Min.

          Vor eineinhalb Jahren, im August 2009, geschah ein Wunder auf den deutschen Leinwänden - und wer dabei gewesen ist, wer gesehen hat, was da geschah: der schaut seither ganz anders auf deutsche Filme, deutsche Körper, deutsche Gesichter.

          Peter Körte
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
          Claudius Seidl
          Redakteur im Feuilleton.
          Harald Staun
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es war das Wunder des heiligen Quentin, die Offenbarung von Babelsberg - es war, um es ganz prosaisch zu sagen, der durchgeknallte Tarantino-Film „Inglourious Basterds“, der Film, in welchem der österreichische Schauspieler Christoph Waltz, ein Mann mittleren Alters, eine geniale Rolle so genial spielte, dass da selbst Brad Pitt zum Nebendarsteller wurde. Es war der Film, in dem die deutschen Schauspieler Daniel Brühl und August Diehl, ja selbst jener Til Schweiger, der sonst vom intelligenteren Publikum eher geringgeschätzt wird, so lässig spielten, so präsent waren, dass ihnen zuzuschauen mehr Vergnügen machte als sonst eine komplette Jahresproduktion des deutschen Kinos.

          Dieser amerikanische Film warf eben auch die Frage auf, warum es keine deutschen Filme gibt, in welchen Diehl und Brühl, Waltz und Schweiger eine ähnlich gute Figur machen dürfen. Der Verdacht, dass dies womöglich nicht nur am Genie von Tarantino liegt, bestätigte sich ein Jahr später, als uns Olivier Assayas in „Carlos - Der Schakal“ nicht nur Christoph Bach, Alexander Scheer, Nora von Waldstätten und Julia Hummer von einer Seite zeigte, die wir im deutschen Film selten von ihnen gesehen haben - sondern auch die Geschichte des deutschen Terrorismus.

          In Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds” spielte sogar Til Schweiger lässig.
          In Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds” spielte sogar Til Schweiger lässig. : Bild: dpa

          Ein paar Monate zuvor war, mit mittlerem Erfolg, ein Film in die deutschen Kinos gekommen, der seiner Hauptdarstellerin, wie sie in vielen Interviews gestand, eine Herzensangelegenheit war. Der Film hieß „Hilde“, er handelte von der Knef, und Heike Makatsch war darin mehr Makatsch als Knef, aber Knef genug, um plausibel zu wirken. Und doch so sehr Makatsch, dass man beim Zuschauen die echte Hildegard Knef schnell vergaß. Das Dumme an dem Film war, dass er anscheinend allen anderen Beteiligten keine Herzensangelegenheit war; wir Kritiker jedenfalls hatten unser destruktives Vergnügen daran, das papierne Drehbuch zu zerreißen und die unentschlossene Inszenierung nicht ernst zu nehmen. Und beschämt nahmen wir, wenig später, zur Kenntnis, dass wir das Buch, die Inszenierung, die Schauplätze schnell vergessen hatten. Was im Gedächtnis aber blieb, das war Heike Makatschs sensationelles Spiel - für das sie eben keinen deutschen Filmpreis bekam, noch nicht einmal eine Nominierung.

          In der Ödnis der deutschen Filmlandschaft

          Und dann? Haben all die Autoren und Regisseure, die über „Hilde“ ja nicht besser als wir Kritiker gesprochen haben, danach ihren Anrufbeantworter vollgesprochen, ihr elektronisches Postfach gefüllt mit Angeboten und Projekten, mit dem Versprechen auf neue, bessere Filme, die ihrem Können, ihrer Präsenz einen besseren Rahmen böten? Und wenn wir schon am Hymnenschreiben sind: Was ist mit dem Postfach von Nicolette Krebitz oder von Nina Hoss, dem Anrufbeantworter von Marie Bäumer? Was ist mit den klugen und erwachsenen Frauen, denen man, wenn man das Kino liebt, doch, genau wie diesen tollen Männern, nur noch Rollen wünschte, die ihrem Talent, ihrem Können einigermaßen angemessen sind?

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