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Berlinale-Wettbewerb : Das Kino vergisst seine Lieben nicht

In „Unknown” lernt Liam Neeson Berlin von seiner harten Seite kennen Bild: Reuters

Actionbilder aus Berlin und Szenen einer albanischen Blutrache zum Abschluss der Berlinale. Der Film „Unknown“ zeigt, wie einen Mann in Berlin das Gedächtnis anhanden kommt, in „The Forgiveness of Blood“ verliert ein Junge in Albanien seine Freiheit.

          2 Min.

          In „Unknown“, einem Film von Jaume Collet-Serra, lernt Liam Neeson Berlin von seiner harten Seite kennen. Erst bemerkt er, als er im Hotel „Adlon“ einchecken will, dass sein Aktenkoffer am Flughafen Tegel zurückgeblieben ist. Dann stürzt das Taxi, mit dem er dorthin zurückfahren will, von einer Brücke in die Spree, Neeson, der in dieser Geschichte als Dr. Martin Harris unterwegs ist, erleidet einen Herzstillstand und wacht mit einer Teilamnesie im Krankenhaus auf. Schlimmer ist, dass seine Gattin, die ihn auf einen Kongress für Biotechnologie begleiten wollte, ihn nicht nur nicht wiedererkennt, sondern im Hotel am Arm eines anderen Mannes herumläuft, auf dessen Namensschild „Dr. Martin Harris“ steht. Nur gut, dass die bosnische Taxifahrerin Gina, die von Diane Krüger gespielt wird, genau weiß, wie man mit einem Nothammer umgeht und was ein Mann, der ein Stück seines Gedächtnisses verloren hat, sonst noch braucht.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Dass „Unknown“ eine Koproduktion des Studios Babelsberg mit Teilfinanzierung durch das Medienboard Berlin-Brandenburg und den Deutschen Filmförderfonds (DFFF) aus dem Ressort des Kulturstaatsministers ist, muss man nicht eigens gesagt bekommen, denn man sieht es dem Film in jedem Augenblick an. Hier kommt die deutsche Hauptstadt als Bundesactionkulisse zu ihrem Recht, es gibt eine respektable Verfolgungsjagd durch die Friedrichstraße und eine nächtliche Dachkletterei in Kreuzberg, ein Informantentreffen vor dem Bodemuseum und einen Showdown auf einem leeren Parkdeck in Charlottenburg. Der aparteste Einfall des Films ist die von Bruno Ganz verkörperte Figur eines Herrn Jürgen, der früher als Major bei der Stasi gearbeitet hat und heute mit ungebrochenem Stolz als Privatdetektiv der Sache der Aufklärung dient. Alles haben die Deutschen vergessen, sagt der alte Jürgen, erst die Nazizeit, dann vierzig Jahre Kommunismus. Aber das Kino, man sieht es, vergisst seine Lieben nicht.

          Nur eine winzige Provinz im großen Imperium der Bilder

          „Unknown“ lief im Wettbewerb außer Konkurrenz, und das war gut so, denn in diesem Film wird wieder einmal klar, worum es bei Festivals eigentlich geht. Das Kino des freien Ausdrucks, der unabhängigen Autoren, der kleinen Filmländer ist nur eine winzige Provinz im großen Imperium der Bilder, aber auf der Berlinale darf es zehn Tage lang so tun, als sei es der wahre Herrscher der Leinwand. Dabei hat es mit dem, was die Studioproduktionen zeigen, fast nichts mehr gemeinsam, bestenfalls dient es ihnen als Themenreservoir. In „Unknown“ dreht sich die Handlung am Ende um einen Biowissenschaftler, der eine Getreideart erfunden hat, mit der sich die hungernde Hälfte der Menschheit sättigen ließe. Viel wichtiger aber ist, dass eine ganze Ecke des „Adlon“ spektakulär in die Luft fliegt. Das Wundergetreide dient nur als Treibsatz.

          Nur weg aus Albanien: Tristan Halilaj in „The Forgiveness of Blood”
          Nur weg aus Albanien: Tristan Halilaj in „The Forgiveness of Blood” : Bild: dpa

          Um den Goldenen Bären bewirbt sich dagegen Joshua Marstons „The Forgiveness of Blood“, ein Blutrachedrama, das in Albanien spielt. Es ist sozusagen der Gegenfilm zu „Unknown“, denn obwohl bei Marston ein Mord geschieht und ein weiterer in der Luft liegt, sieht man kein Blut. „The Forgiveness . . .“ hätte ein starker Film werden können, wenn Marston sich mehr für die Geschichte und weniger für das pittoreske albanische Dorf interessiert hätte, in dem sie spielt. So endet der Wettbewerb im ästhetischen Flachland. Das kennt man aus Berlin.

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