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Berlinale - erster Wettbewerbstag : Was kümmern uns die Leute da draußen?

Ein Film, der weiß, wovon er spricht: Demi Moore in „Margin Call” Bild: dpa

Eine Innenansicht der Finanzkrise von 2008 und eine Familiengeschichte aus dem Alltag der argentinischen Diktatur: Mit „Margin Call“ und „El premio“ beginnt der Wettbewerb auf hohem Niveau.

          4 Min.

          Dass die Berlinale ein Arbeitsfestival sei, hat man oft gehört, aber man möchte es gern mit eigenen Augen sehen, um es glauben zu können. Und man glaubt es wahrhaftig, wenn man Isabella Rossellini, die Präsidentin der Jury, um neun Uhr morgens im Festivalkino am Potsdamer Platz sitzen sieht, wo sie sich einen Wettbewerbsfilm anschaut, der von sehr viel Arbeit, sehr viel Geld und sehr vielen Hoffnungen erzählt, die alle an einem einzigen Tag vernichtet wurden, einem Tag im Sommer 2008, während der größten Finanzkrise, die die Welt in den letzten achtzig Jahren erlebt hat.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Seit langem wartet man auf einen Film, der die Geschichte dieses Crashs, an dem die Regierungen der westlichen Welt noch heute zu knabbern haben, auf die Leinwand bringt. Oliver Stones „Wall Street 2“ war es nicht; dafür ist es jetzt JC Chandors „Margin Call“.

          Chandor, dessen Initialen auch bei längerer Internetrecherche ihr Geheimnis wahren, hat bisher vor allem Fernsehdokumentationen und Werbefilme gedreht, „Margin Call“ ist sein Kinodebüt. Aber der Regisseur, heißt es im Berlinale-Katalog, sei auch „im Immobilienhandel aktiv“, und das glaubt man sofort, denn „Margin Call“ ist ein Film, der weiß, wovon er spricht, und deshalb ohne Umwege zeigt, worum es geht.

          Ungewöhnliche Bilder der Diktatur: Zerzauste Mädchen auf nassem Sand in „El premio”

          Er lässt sie tun, was sie am besten können

          Alles beginnt damit, dass bei einer New Yorker Investmentbank, in der man mühelos das Vorbild Lehman Brothers erkennt, Mitarbeiter entlassen werden. Einer der Gefeuerten übergibt einem Übriggebliebenen einen Speicherstick, der die Vorhersage des nahenden Zusammenbruchs enthält. Der junge Banker denkt das Prognose-Modell zu Ende, starrt fassungslos auf die Daten auf seinem Bildschirm und trommelt dann seine Arbeitskollegen und seinen Chef zusammen, der wiederum die nächsthöheren Chefs anruft, bis schließlich die gesamte Führungsspitze des Unternehmens zur nächtlichen Krisensitzung versammelt ist – gespielt von Jeremy Irons, Kevin Spacey, Demi Moore, Paul Bettany, Stanley Tucci . . .

          Denn Chandor wollte nicht einfach irgendeinen Film über den Crash von 2008 drehen. Er wollte den bestmöglichen Film drehen, mit den besten Leuten, und dieser Film ist „Margin Call“ geworden. Das liegt unter anderem daran, dass Chandor gar nicht erst versucht, mit seinen Figuren zu menscheln, wie Oliver Stone es macht. Er lässt sie tun, was sie am besten können: Zahlenkolonnen lesen, Monitore anstarren, die Krawatte zurechtrücken, über das Gehalt des Vorgesetzten tuscheln, durch Nachtklubs ziehen, Porsche fahren und um Abfindungen feilschen. Einmal sagt ein Jüngerer unter ihnen zum Abteilungsleiter, der Crash werde wohl viele normale Leute „da draußen“ ruinieren. „Ich scheiß’ auf die normalen Leute da draußen“, lautet die Antwort.

          Weckruf der Realität

          Die einsame Ausnahme in diesem Haifischbecken ist Kevin Spacey, der den Dienstältesten unter den Bankern spielt. Wie Al Pacino in David Mamets Immobilienmaklerfarce „Glengarry Glen Ross“, mit der „Margin Call“ einiges gemein hat, ist er zu alt, um sich noch Illusionen über sein Tun zu machen, und nicht alt genug, um aufzugeben. Am Anfang der Geschichte liegt sein Hund im Sterben, am Ende begräbt er ihn im Garten seiner Exfrau. In der Zwischenzeit haben sich Milliardenwerte in Luft aufgelöst, aber dieser Mann weint um ein totes Haustier. Das ist so schmerzlich wahr, dass der Film schon dafür einen Regiepreis verdient hätte.

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