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Berlinale-Auftakt : Glamour und Verbrechen

  • Aktualisiert am

Dieter Kosslick und Jury-Präsidentin Isabella Rossellini eröffnen das Festival Bild: dapd

Zu feiern gibt es noch nicht allzu viel, zu kämpfen umso mehr auf der Berlinale 2011: Jafar Panahis Botschaft aus dem iranischen Gefängnis und die Bedrohung Cyril Tuschis prägen die ersten Tage des Festivals.

          Echte Gala, falsche Witze

          Die Berlinale ist für Berlin, was anderswo Fasching oder Karneval heißt - man feiert, weil im Kalender eben Feiertage stehen, man feiert die eigene Feierlaune, und die unwiderlegbare Beliebtheit Dieter Kosslicks, des Berlinale-Chefs, hat nur darin ihren Grund: Der Mann ist grundlos fröhlich, und er spricht so lustig Englisch (seine Programme sind ja kein bisschen besser, als es die seines allseits unbeliebten Vorgängers waren).

          Was gäbe es aber zu feiern in einem Moment, da das Echo der Trauerfeier für Bernd Eichinger noch durch so viele Köpfe hallt; was hilft schon die notorisch gute Laune gegen das iranische Regime, welches den Regisseur Jafar Panahi, den die Berlinale in die Jury des Wettbewerbs berufen hat, für sechs Jahre ins Gefängnis sperrt?

          Sein Schicksal treibt die Berlinale um: Jafar Panahi meldete sich mit einem Brief aus der iranischen Haft

          Eigentlich nichts, und entsprechend öde war die Eröffnungsgala. Witze hätten deplatziert gewirkt, etwas anderes hatten weder Kosslick noch Anke Engelke, die durch den Abend führte, im Programm. Der Kulturstaatsminister lobte, wie immer, sich selber und den deutschen Film, der Regierende Kultursenator berichtete erfreut von der Rettung eines Filmkunstkinos in Berlin-Charlottenburg, und wie immer verschwendeten die Vertreter der Obrigkeit keinen Gedanken darauf, ob das wirklich die Themen sind, mit denen man das internationale Publikum im Saal, also Jeff Bridges zum Beispiel oder die Brüder Coen, mal so richtig rühren und erschüttern kann.

          Erschütternd war dann aber der Brief, den Jafar Panahi aus dem Gefängnis heraus geschrieben hat und den die Juryvorsitzende Isabella Rossellini mit angemessenem Ernst verlas: „In den nächsten sechs Jahren werde ich in der Hoffnung leben, dass meine Träume Realität werden. Ich wünsche mir, dass meine Regiegefährten in jedem Winkel der Welt in dieser Zeit so großartige Filme schaffen, dass ich, wenn ich das Gefängnis verlasse, begeistert sein werde, in jener Welt weiterzuleben, die sie in ihren Werken erträumt haben.“

          Ja. Klingt bisschen pathetisch, ist aber so absolut richtig und definiert den Daseinszweck des Kinos (und eines großen Festivals) natürlich hundertmal genauer als das immer gleiche halbamtliche Gefasel von Filmkunst und Qualität.

          Als Dresscode für den Empfang danach waren „Abendgarderobe und Cowboy Boots“ erwünscht - man sah vom einen so wenig wie vom anderen, und wer wirklich den Smoking angezogen hatte, der spürte ständig das Bedürfnis, bei sich selber die nächsten drei Biere zu bestellen. cls.

          Die Coens ziehen in den Westen

          Wer 42 Jahre nach „Der Marshal“ unbedingt von einem Remake reden will, soll das ruhig weiter tun, auch wenn der Erkenntnisgewinn gegen Null geht; wenn man so will, ist auch die Berlinale ein jährliches Remake. Joel und Ethan Coen haben einen Western gedreht, nach einem Roman von Charles Portis, und sie waren mit „True Grit“ erfolgreich wie noch nie. Und man fragt sich schon, woran das liegt. Sie haben eine tolle Hauptdarstellerin, Hailee Steinfeld, auf deren Gesicht sich all das spiegelt, was man sieht, und auch das, was man nicht sieht. Sie haben eine klare Struktur: Prolog, Epilog, dazwischen die Jagd auf den Mörder ihres Vaters. Und statt eines odd couple, das sich zusammenraufen muss, haben sie ein ungleiches Trio: den Texas-Ranger (Matt Damon), den versoffenen Marshall (Jeff Bridges) und die 14-jährige Mattie. Doch wenn einem etwas auffällt in diesem handwerklich so gekonnten, aber ein wenig leeren Film, dann vor allem, dass die Coens fremdeln in der Western-Landschaft, welche ja eher eine mythologische ist als eine reale. Stark sind sie, wo der Raum eng wird, am Lagerfeuer, in Hütte oder Höhle; da passen die langsam zündenden, wie Kautabak ausgespuckten Pointen in altertümelndem Englisch bestens zum Coen-Humor, in dem den „dopes“, den Langsamen im Kopf, eine Schlüsselrolle zukommt. Vielleicht ist „True Grit“ ein Coen-Film für Leute, die sonst weniger mit dem Humor der Brüder anfangen können. Was ihn zugleich zu einem der angenehmsten Eröffnungsfilme seit Jahren machte. pek.

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