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Berlinale-Auftakt : Glamour und Verbrechen

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Im Gespräch hat Ulrich Köhler neulich von den erzählerischen Freiheiten geschwärmt, die der Thailänder Apichatpong Weerasethakul sich in seinen Filmen nimmt, und ein wenig davon ist auch in seinem Wettbewerbsbeitrag „Schlafkrankheit“ zu spüren: im trägen Rhythmus und in den Ellipsen, im Spiel mit Metamorphosen, in der Gleichgültigkeit der Landschaft gegenüber den Menschen. Letztlich ist es ein Film über zwei Männer, denen hartnäckig entgeht, wer sie sind. Ebbo, der deutsche Arzt (den der Niederländer Pierre Bokma mit bemerkenswertem Stoizismus spielt), und Alex, der französische Mediziner, der sich auf dem Kontinent seiner Vorfahren fremder fühlt als der Deutsche. Köhler führt beider Geschichten so zögerlich zusammen, wie der Deutsche dem Franzosen ausweicht, der sein Projekt in Kamerun evaluieren soll. Der eine will nicht mehr zurück, der andere am liebsten sofort wieder nach Paris. Das alles hat eine angenehme Beiläufigkeit, die Arbeit der Hilfsorganisationen ist nur ein Rahmen und zum Glück kein „Thema“ - aber es fehlt dann doch, trotz großer Vorbilder, jenes Flirren, jene magische Unschärfe zwischen Beobachtung und Verwandlung. pek.

Integration? Zum Lachen!

Wenn man „Almanya“ von ganz hoch oben betrachtet, aus der Perspektive der Kinogötter und Kritikerpäpste, dann ist dies nur ein kleiner, teils lustiger, teils trauriger Film, der nach allem riecht, was ihn hervorgebracht hat: dem deutschen Fernsehen, der deutschen Filmförderung, dem guten Willen, diesmal keine Geschichte vom „Kampf der Kulturen“ zu erzählen, der Liebe zum klassischen Komödienkino und der Abneigung gegenüber leitkulturellen Zwängen. Aber vielleicht muss man diesen Film gar nicht von ganz oben betrachten. Denn es geht den Samdereli-Schwestern (so nennen sie sich selbst im Vorspann) nicht darum, im Hochgebirge des deutschen Autorenkinos einen neuen Gipfel zu stürmen. Sie wollen etwas anderes: eine Geschichte jener türkischen Gastarbeiter erzählen, die tatsächlich in Deutschland angekommen sind, innerlich wie äußerlich. Die seit Jahrzehnten mit Kindern und Kindeskindern hier leben. Deren Kinder und Enkel in Deutschland für Türken und in der Türkei für Deutsche gehalten werden. Die zu Weihnachten den Baum schmücken und im Ramadan fasten. Dieser Film, in dem sich die anekdotische Erzählung von einer Rückfahrt in die Türkei mit der großen, kollektiven Erzählung der türkischen Migration der sechziger bis achtziger Jahre kreuzt, ist deshalb weniger als Kunstwerk wichtig (wie Fatih Akins „Gegen die Wand“, der in einer anderen Liga spielt) denn als Inventar von Bildern, mit denen sich die sogenannte Integrationsdebatte entkrampfen lässt. Bilder, in denen die Deutschen als bullige blonde Riesen und die Türken als Cola saufende, schwer mit ihrem Mannsein ringende Tagträumer erscheinen - aber so, dass man darüber lachen kann. Es gibt ja sonst so wenig zu lachen in Berlin. kil.

Der Tag des echten Geldes

Dies ist endlich der Film über die Finanzkrise, den Oliver Stone nicht gedreht hat. „Margin Call“, was im Börsenjargon den Moment der Wahrheit bezeichnet: Wenn reales Geld hermuss statt imaginären Kapitals. Der Debütfilm von JC Chandor spielt 2008, am Vorabend der Finanzkrise, er verdichtet den Auftakt zum Untergang in einem Zeitraum von gut 24 Stunden, in den Räumen einer Investmentbank. Man weiß danach zwar auch nicht mehr über Volatilitätslimits und andere Parameter, aber man weiß, was diejenigen, die es wissen, aus ihrem Wissen machen. Es ist ein unaufhaltsamer Strudel aus Panik, Angst und Gier, aus Skrupel, Kälte und Hybris, der sich nicht aus den Zahlenkolonnen auf den Monitoren erschließt, sondern aus dem Spiel eines großartigen Ensembles: Kevin Spacey, Jeremy Irons, Paul Bettany, Stanley Tucci und Demi Moore. Am Ende begräbt Spaceys Charakter mit feuchten Augen seinen Hund, der Crash ist da, und man sieht in einen Abgrund: zwischen Wissen und Handeln. pek

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