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Wang Quan'an : Wer die Welt erkennt, wird das Leben bejahen

Der mit dem Bären ringt: Wang Quan'an auf der Berlinale 2007 mit der Auszeichnung für den besten Film
          2 Min.

          Die sechzigste Berlinale wird ein Film aus einem geteilten Land eröffnen: die Geschichte eines Mannes, der als junger Soldat der nationalen Kuomintang mit Tschiang Kai-schek 1949 nach Taiwan floh, und der auf dem chinesischen Festland nun seiner alten, damals verlassenen Liebe gegenübersteht. Was hat die politisch-staatliche Trennung mit den Menschen angestellt?

          Mark Siemons
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Möglicherweise ist der Film „Apart Together“ ein ferner Spiegel der langjährigen Berliner Situation, aber gewiss ein sehr verfremdender. Der in Peking lebende Regisseur Wang Quan'an erzählt verwickelte Liebesverhältnisse ganz anders, als man das aus den Individualisierungsdramen des Westens kennt. Bei Wang stoßen sich die eigenen Ansprüche an das Leben nicht lautstark an den Realitäten oder den Ansprüchen der anderen; sondern inmitten einer Umwelt, deren Härte die Menschen still gemacht hat, gibt das Leben ausgerechnet im Moment des größten Realismus eine unvermutete Stimmigkeit zu erkennen.

          Am Ende wirkt es dennoch „richtig“

          Wang Quan'an hat eine Wohnung im zwanzigsten Stock eines Hochhauses unweit des Pekinger Dritten Rings gemietet, um dort in Ruhe an seinen Drehbüchern schreiben zu können. Man hat hier, während der Wind sehr heftig am Fenster rüttelt, einen weiten Blick hinüber zu den Westbergen. Im Regal steht ein Buddha-Kopf, und auf dem Couchtisch liegt eine jener Holzspindeln, mit denen die Heldin in Wangs vorletztem Film „Webermädchen“ arbeitete. In seinen bisherigen vier Filmen ist es immer eine Frau, jedes Mal gespielt von der herausragenden Yu Nan, die sich in unglaublich schwierigen Umständen nicht unterkriegen lässt. Das entspreche seiner Lebenserfahrung, sagt Wang: „Vor allem in extremen Situationen wie der Kulturrevolution waren Frauen die stützende Kraft, während sich die Männer oft umgebracht haben.“ Wang Quan'an hat eine Glatze und einen Spitzbart, und wenn er spricht, sieht beides unendlich gütig aus.

          Mo Xiaoqi und Ling Feng in Wang Quan'ans „Apart Together”
          Mo Xiaoqi und Ling Feng in Wang Quan'ans „Apart Together” : Bild: Berlinale

          1965 wurde er in Yan'an geboren, das im Bürgerkrieg die Operationsbasis der Kommunisten war. Er studierte an der Pekinger Filmakademie, doch erst 1999 begann er, eigene Filme zu drehen. Die ersten drei wurden auf der Berlinale gezeigt: „Mondfinsternis“ im Forum 2000, die „Geschichte von Ermei“ im Panorama 2004 und „Tuyas Hochzeit“ 2007 im Wettbewerb, den der Film prompt gewann. Es sind Szenen postkonventioneller Ehen, in denen die erwartbaren Reaktionen auf den Kopf gestellt werden. Die mongolische Hirtin Tuya willigt nur deshalb in eine Scheidung ein, weil ihr neuer Mann den alten Mann, der behindert ist, mitversorgen soll; doch der Alte wird weiter im gleichen Zelt wie das junge Paar wohnen. Der Film romantisiert diese unter dem Druck des Existenzkampfs zustande gekommene Ménage à trois in keiner Weise, aber das Wunder dieses und Wangs anderer Filme ist, dass die Konstellation am Ende dennoch natürlich und „richtig“ erscheint.

          Leise Details der Gesellschafts- und Menschenbeobachtung

          Die Kameraführung des Deutschen Lutz Reitemeier und der Schnitt haben an diesem Wunder beträchtlichen Anteil: Indem sie sich aller Exzentrizität enthalten, lassen sie Raum für die vielen leisen Details der Gesellschafts- und Menschenbeobachtung, aus denen Wangs Filme zusammengesetzt sind. So wird auch der soziale Realismus, der Fernsehkarton im Hirtenzelt oder die Pekinger Abbruchbrache, zum Teil eines poetischen Prinzips, das von der Wirklichkeitsanerkennung zur Lebensbejahung führt - eine Haltung, für die man Vorbilder bei den frühesten Zeugnissen des chinesischen Denkens aufführen könnte. Wang nennt als wichtige Einflüsse Fellini, Godard, Fassbinder und Wenders, vor allem aber Johann Sebastian Bach, dessen Musik mit ihrer Proportion, Genauigkeit und Gläubigkeit Antworten auf alle künstlerischen Fragen gebe.

          Verbal wird man Wangs poetisches Prinzip freilich nirgendwo ausgedrückt finden; seine Filmhelden, die meisten dargestellt von Laienschauspielern, sind es nicht gewohnt, ihre Absichten und Gefühle zu artikulieren. In „Webermädchen“ von 2009 ist es bloß ein winziges scheues Lächeln, das das Glück der todkranken Fabrikarbeiterin verrät; sie zeigt es am winterlichen Meeresstrand für ein Foto mit ihrem ehemaligen Geliebten, den sie wegen einer Verkettung unglücklicher Umstände vor zehn Jahren nicht geheiratet hatte. Nur die Bilder durchbrechen die Diskretion, zu der das rauhe Leben die Menschen erzogen hat.

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