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Fassbinders „Welt am Draht“, restauriert : Ich denke, also bin ich wahrscheinlich nicht

Rainer Werner Fassbinders Science-Fiction-Film „Welt am Draht“ wurde im Herbst 1973 im Fernsehen ausgestrahlt. Auf der Berlinale war er nun in einer restaurierten Fassung zu sehen, die fabelhaft gelungen ist. Deutlich wird auch, wie hochaktuell dieser Film blieb.

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          Das deutsche Kino ist nicht sehr reich an Beispielen von Phantasien über die Zukunft. Auch für Rainer Werner Fassbinder war Science-Fiction nicht das bevorzugte Themenfeld. Aber wie immer, wenn Fassbinder sich eines Sujets annahm, kam bei seiner einzigen Arbeit fürs Genre etwas Besonderes heraus: der zweiteilige Fernsehfilm „Welt am Draht“. Der WDR hat ihn produziert, die ARD ihn im Oktober 1973 ausgestrahlt. Ein paar Tage nachdem der andere die Zeiten überdauernde Science-Fiction-Film eines Deutschen, Fritz Langs „Metropolis“, in seiner auf beinahe die ursprüngliche Länge rekonstruierten Form bei der Berlinale aufgeführt wurde, kam „Welt am Draht“ seinerseits restauriert dort im ausverkauften Kino International zur Aufführung. Die DVD ist gerade erschienen.

          Verena Lueken
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Wenn man den Film heute sieht, fällt es schwer, sich daran zu erinnern, dass zur Zeit seiner Entstehung von virtuellen Welten, umfassender Digitalisierung, von Computerspielen, Algorithmen, social commerce und solcherlei noch überhaupt nicht die Rede war. Geschweige denn, dass diese Phänomene den Alltag bereits durchdrungen hätten. Das ist bei Science Fiction doch immer so, könnte man sagen, aber die prognostische Genauigkeit der „Welt am Draht“ geht schon um einiges darüber hinaus, was wir aus anderen alten Science-Fiction-Filmen in unserer Welt heute wiederfinden. So ist es kein Wunder, dass vor allem „The Matrix“ sich auf Fassbinders Film beruft.

          Ist unsere Wahrnehmung programmiert?

          Denn Fassbinder hat - auf der Grundlage des Romans „Simulacron III“ von Daniel F. Galouye von 1964 - einen Film gedreht, der viele der Fragen stellt, die uns heute umtreiben: Wie leben wir im Bewusstsein davon, dass unsere Handlungen aufgezeichnet und elektronisch weiterverarbeitet werden? Wenn wir nicht nachvollziehen können, wer und was unser Tun bestimmt, wie können wir uns als Subjekte begreifen? Sind wir nur Projektionen eines höheren Bewusstseins, einer komplexeren Struktur untergeordnet? Leben wir in einer Parallelwelt, und wenn ja, parallel zu was? Ist unsere Wahrnehmung dessen, was wir als Wirklichkeit betrachten, bereits programmiert? Wie viel Sinn steckt noch in der Frage, ob etwas echt sei oder nicht - und wie viel Sehnsucht? Und spielen die Antworten auf all das überhaupt eine Rolle?

          Für Fassbinder unbedingt, das gibt dem Film seine Dringlichkeit. Gleichzeitig ist Fassbinders Stil, seine Art, Blicke und Gesten zu inszenieren, die Figuren in Spiegelkabinetten zu plazieren oder seine Neben- und Kleinstdarsteller in nahezu statuarischer Trance zu halten, bestens geeignet, Fragen solcher Art aufzuwerfen. Recht früh im Film gibt es eine Party bei Siskins (Karl-Heinz Vosgerau), dem Vorstand des Instituts für Kybernetik und Zukunftsforschung, in dem der Film hauptsächlich spielt. Im Pool wiegen sich ein paar muskulöse Männer oder schwingen an den Turnringen halb im Wasser, zwei Mädchen springen ein ums andere Mal kopfüber ins Becken, am Rand lagern ein paar Frauen im Abendkleid, dazu gibt Solange Pradel, die aussieht wie Ingrid Caven, vor Playback Marlene Dietrichs Song von den „Boys in the Back Room“ (den diese in „Destry Rides Again“ gesungen hatte). Und Klaus Löwitsch streicht umher, als sei er der einzig Lebendige in der Unterwelt. Aber ist er das?

          Eine Folge mysteriöser Mordanschläge

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