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Dominik Grafs „Im Angesicht des Verbrechens“ : Berlin, das ist das Paradies

Hinreißend: Marie Bäumer und Max Riemelt in Dominik Grafs „Im Angesicht des Verbrechens” Bild: ARD/Julia von Vietinghoff

Dominik Graf zeigt auf der Berlinale in zwei Matineen von Samstag an seine Serie „Im Angesicht des Verbrechens“. Acht Stunden spannendes Kino, gedreht fürs Fernsehen. Ein deutscher Sonderfall.

          4 Min.

          Marek Gorsky und Sven Lottner, zwei junge, ziemlich clevere Polizisten, ergreifen die Chance, vom Streifendienst aufzusteigen und statt illegaler Einwanderer richtige Verbrecher zu jagen. Organisierte Verbrecher. Und so geraten sie mitten hinein in eine Geschichte, die uns durch Berlin führt und in die Ukraine, ins Herz der Russenmafia, des Zigarettenschmuggels, der Prostitution und des Menschenhandels, in die korrupten Nester deutscher Polizeiorgane und zu den dreckigen Geschäften geiler dicker Männer, die vom Viagra Herzinfarkte kriegen und mit Politikern Golf spielen. Gut acht Stunden lang hält uns das ziemlich in Atem.

          Verena Lueken
          Freie Autorin im Feuilleton.

          500 Minuten Spielfilm, verteilt auf zehn Folgen, in den Dimensionen eines Kinofilms (in jeder Hinsicht: Drehzeit, Geld - inkluvise der Insolvenz einer beteiligten Firma während der Dreharbeiten -, Sorgfalt, Personal), produziert fürs Fernsehen, uraufgeführt bei einem der drei großen Filmfestivals der Welt, nämlich am übernächsten Freitag und Samstag im Rahmen der Berlinale im Delphi Kino - was ist das?

          Eine deutsche Eigenart, so viel ist sicher, die sich der Tatsache verdankt, dass in einigen öffentlich-rechtlichen Fernsehredaktionen (in diesem Fall dem WDR und BR) noch Redakteure sitzen (in diesem Fall Wolf Brücker und Stephanie Heckner und ihre Kollegen), die ebenso wie der Regisseur Dominik Graf daran glauben, dass man fürs Fernsehen ganz wunderbares Kino machen kann. TV-Kino nennt Graf das, aus den Kinos verschwunden zugunsten von Kino-TV mit seinen halbnah im trüben Licht aufgeblätterten Geschichten und flachen Gestalten, die uns immer an dieselben Punkte führen, wie wir das so oft beklagen.

          Die Orte und die Liebe

          Dagegen „Im Angesicht des Verbrechens“. So heißt das Ding. Das klingt wie ein Krimi aus den siebziger Jahren, und so sehen die Titel auch aus, rot, wuchtig, die Musik (von Florian van Volxem und Sven Rossenbach) kündigt den Thriller an. Der erweitert dann von Folge zu Folge seine Kreise, splittert seine Geschichte auf, ohne die Verbindung der Teile allzu weit zu lösen oder uns allzu lange hinzuhalten, wie das alles (oder zumindest das meiste, das richtig große Bild vom Ganzen bekommen wir natürlich erst zum Schluss) zusammenhängt, bis in der zweiten Hälfte der Serie der Splitscreen uns die Orte und Ereignisse noch mal vor Augen bringt. Bis dahin hat sich alles derart verdichtet, dass Graf gar nicht anders kann, als uns in den letzten Folgen von Cliffhanger zu Cliffhanger (die er am Anfang, wenn die Geschichte etwas lockerer gestrickt ist, gemieden hatte, um Platz zu lassen für alles, was noch kommt) zum Ende zu führen.

          Das Drehbuch, das Graf mit Rolf Basedow geschrieben hat, verzahnt nicht nur die verschiedenen Personen und Gruppen, ihre privaten und öffentlichen Sphären, sondern erfindet auch Motive, die in die Vergangenheit reichen und dem aktuellen Fall, mit dem Marek und Sven beschäftigt sind, eine historische Dimension hinzufügen. Mareks Bruder wurde vor Jahren ermordet, und der Mörder ist einer von denen, die Marek jetzt jagt. Dazwischen gibt es enorme Zärtlichkeit und krasse Gewalt, jede Menge Action, Sex und Drogen, und wenn man versuchen will, zu erzählen, was diese vielen Stunden von allem unterscheidet, was wir im einen oder anderen Medium, im deutschen Fernsehen oder im deutschen Film sonst meistens so zu sehen kriegen, kommt man schnell auf zweierlei: auf die Orte und die Liebe.

          Und immer wieder Berlin

          Die Orte - das sind Treppenhäuser in lichten Verwaltungsgebäuden (LKA) oder schmalen Mietshäusern (für illegal eingeschleuste Vietnamesen), das ist eine sonnendurchflutete Wiese irgendwo in der Ukraine, auf der ein Zuhälter auf einem weißen Ackergaul zwei Mädchen das goldene Leben in Berlin verspricht: „Berlin ist das Paradies.“ Die Orte, das sind die unordentliche Wohnung des einen Polizisten, Sven (Ronald Zehrfeld), der aus dem Osten der Stadt kommt und weiter keine Biographie zu haben scheint, aber erstaunliche Ähnlichkeit mit dem jungen, behenden Russell Crowe, und gegen diesen Raum von Ungebundenheit steht das mit Familie gefüllte Wohnzimmer von Mareks (Max Riemelt) Eltern beim Seder-Essen. Ein weiterer Ort ist das langgestreckte russische Restaurant „Odessa“, in das Mareks schöne Schwester Stella (Marie Bäumer) eingeheiratet hat, und in dem ihr Mann Mischa (Misel Maticevic) seiner Geliebten einen Ring schenkt und seine Freunde aus dem organisierten Handel jeder verbrecherischen Art einen Stammtisch haben.

          Die Orte, das sind eine Nachtbar mit den Mädchen aus der Ukraine und anderswoher und ihre Wohnung, spärlich möbliert mit einem alten Kühlschrank und einem großen Bett. Oder ein Schusterladen. Eine illegale Zigarettenfabrik auf dem Land in Brandenburg, in deren Kellerräumen Schaufensterpuppen schwimmen, und immer wieder Berlin: von oben, bei Nacht, am Abend, am Nachmittag. So entsteht eine Topographie, in der das Verbrechen seine Behausungen findet; und aus der die Figuren Wege nach draußen suchen oder Türen nach innen. Denn ganz unabhängig davon, was sie tun oder was ihnen angetan wird - fast alle haben eine Sehnsucht, eine Liebe, die sie finden oder verlieren, die sie aneinanderkettet oder vor der sie sich in Sicherheit bringen.

          Was Graf hier alles wagt

          Marek hat seinen Bruder geliebt, der erschossen wurde. Er liebt seine Schwester, was den Konflikt zwischen Gesetz und Verbrechen in die Familie trägt. „Du bist ein Polizist, wie kannst du da eine Ehre haben“, das ist einer der erstaunlichen Sätze, die in dieser Serie fallen. Einer, der eines der Probleme, um die es hier geht, auf den Punkt bringt. Ein korrupter LKA-Beamter liebt seine ebenfalls korrupte Kollegin, seine Frau und seinen Sohn liebt er aber auch. Der geile Dicke liebt das Geld und die Macht, die er über die Mädchen hat, die er kauft. Stella liebt Mischa mehr, als sie zunächst glaubt, und Mischa liebt Stella mehr, als es zunächst aussieht.

          Einmal lässt er aus einem Hubschrauber Rosenblätter für sie regnen, weil sie Geburtstag hat. Und in solchen Bildern, die gerade so am Kitsch vorbeischrammen, wie immer, wenn es um Gefühle geht, die eigentlich größer sind als der Mensch, der sie gerade hat, zeigt sich, was Graf hier alles wagt. Wie er die Aktion plötzlich vollkommen stillstellt, um uns etwas anderes zu erzählen. Und so fängt er das Ganze auch an. Nicht mit Sven und Marek. Sondern mit dem Mädchen Swetlana (Katja Nesytowa), die in einem See in der Ukraine schwimmt und Visionen hat. Und als die Geschichte schon sehr weit fortgeschritten ist, nimmt er sich noch die Zeit, uns ganz genau zu zeigen, wie das eigentlich geht mit der Zigarettenproduktion. Mit solcher Sorgfalt werden wir sonst nur in die Fabrikation schwerer illegaler Drogen eingeweiht - und selten im deutschen Fernsehen.

          Die Schauspieler sind übrigens hinreißend

          Das ist natürlich Timing - Spannungsaufbau durch Verlangsamung und Retardierung, die dann wieder abgelöst werden von purem Genre, der Großaufnahme einer Handgranate etwa, die in einem Auto liegt und uns knapp vor der Explosion schon wissen lässt, was geschehen wird. Andere Male werden wir überrascht, schockiert von Brutalitäten, die auf die Spitze getrieben sind, von Gier und Räuschen an der Grenze des Absurden oder auch plötzlich berührt von einem Satz in gebrochenem Deutsch - „Siehst aus wie richtig Mann“ -, der Marek gilt und diesem ein halb spöttisches, halb zufriedenes Grinsen abringt. Die Schauspieler sind übrigens hinreißend.

          „Im Angesicht des Verbrechens“ - was ist das also? Eine Serie, natürlich, ein Glücksfall fürs Publikum und ein Stück Kino, wie wir es viel zu selten zu sehen bekommen.

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