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Dominik Grafs „Im Angesicht des Verbrechens“ : Berlin, das ist das Paradies

Die Orte - das sind Treppenhäuser in lichten Verwaltungsgebäuden (LKA) oder schmalen Mietshäusern (für illegal eingeschleuste Vietnamesen), das ist eine sonnendurchflutete Wiese irgendwo in der Ukraine, auf der ein Zuhälter auf einem weißen Ackergaul zwei Mädchen das goldene Leben in Berlin verspricht: „Berlin ist das Paradies.“ Die Orte, das sind die unordentliche Wohnung des einen Polizisten, Sven (Ronald Zehrfeld), der aus dem Osten der Stadt kommt und weiter keine Biographie zu haben scheint, aber erstaunliche Ähnlichkeit mit dem jungen, behenden Russell Crowe, und gegen diesen Raum von Ungebundenheit steht das mit Familie gefüllte Wohnzimmer von Mareks (Max Riemelt) Eltern beim Seder-Essen. Ein weiterer Ort ist das langgestreckte russische Restaurant „Odessa“, in das Mareks schöne Schwester Stella (Marie Bäumer) eingeheiratet hat, und in dem ihr Mann Mischa (Misel Maticevic) seiner Geliebten einen Ring schenkt und seine Freunde aus dem organisierten Handel jeder verbrecherischen Art einen Stammtisch haben.

Die Orte, das sind eine Nachtbar mit den Mädchen aus der Ukraine und anderswoher und ihre Wohnung, spärlich möbliert mit einem alten Kühlschrank und einem großen Bett. Oder ein Schusterladen. Eine illegale Zigarettenfabrik auf dem Land in Brandenburg, in deren Kellerräumen Schaufensterpuppen schwimmen, und immer wieder Berlin: von oben, bei Nacht, am Abend, am Nachmittag. So entsteht eine Topographie, in der das Verbrechen seine Behausungen findet; und aus der die Figuren Wege nach draußen suchen oder Türen nach innen. Denn ganz unabhängig davon, was sie tun oder was ihnen angetan wird - fast alle haben eine Sehnsucht, eine Liebe, die sie finden oder verlieren, die sie aneinanderkettet oder vor der sie sich in Sicherheit bringen.

Was Graf hier alles wagt

Marek hat seinen Bruder geliebt, der erschossen wurde. Er liebt seine Schwester, was den Konflikt zwischen Gesetz und Verbrechen in die Familie trägt. „Du bist ein Polizist, wie kannst du da eine Ehre haben“, das ist einer der erstaunlichen Sätze, die in dieser Serie fallen. Einer, der eines der Probleme, um die es hier geht, auf den Punkt bringt. Ein korrupter LKA-Beamter liebt seine ebenfalls korrupte Kollegin, seine Frau und seinen Sohn liebt er aber auch. Der geile Dicke liebt das Geld und die Macht, die er über die Mädchen hat, die er kauft. Stella liebt Mischa mehr, als sie zunächst glaubt, und Mischa liebt Stella mehr, als es zunächst aussieht.

Einmal lässt er aus einem Hubschrauber Rosenblätter für sie regnen, weil sie Geburtstag hat. Und in solchen Bildern, die gerade so am Kitsch vorbeischrammen, wie immer, wenn es um Gefühle geht, die eigentlich größer sind als der Mensch, der sie gerade hat, zeigt sich, was Graf hier alles wagt. Wie er die Aktion plötzlich vollkommen stillstellt, um uns etwas anderes zu erzählen. Und so fängt er das Ganze auch an. Nicht mit Sven und Marek. Sondern mit dem Mädchen Swetlana (Katja Nesytowa), die in einem See in der Ukraine schwimmt und Visionen hat. Und als die Geschichte schon sehr weit fortgeschritten ist, nimmt er sich noch die Zeit, uns ganz genau zu zeigen, wie das eigentlich geht mit der Zigarettenproduktion. Mit solcher Sorgfalt werden wir sonst nur in die Fabrikation schwerer illegaler Drogen eingeweiht - und selten im deutschen Fernsehen.

Die Schauspieler sind übrigens hinreißend

Das ist natürlich Timing - Spannungsaufbau durch Verlangsamung und Retardierung, die dann wieder abgelöst werden von purem Genre, der Großaufnahme einer Handgranate etwa, die in einem Auto liegt und uns knapp vor der Explosion schon wissen lässt, was geschehen wird. Andere Male werden wir überrascht, schockiert von Brutalitäten, die auf die Spitze getrieben sind, von Gier und Räuschen an der Grenze des Absurden oder auch plötzlich berührt von einem Satz in gebrochenem Deutsch - „Siehst aus wie richtig Mann“ -, der Marek gilt und diesem ein halb spöttisches, halb zufriedenes Grinsen abringt. Die Schauspieler sind übrigens hinreißend.

„Im Angesicht des Verbrechens“ - was ist das also? Eine Serie, natürlich, ein Glücksfall fürs Publikum und ein Stück Kino, wie wir es viel zu selten zu sehen bekommen.

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