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Berlinale-Retrospektive : Eine Reise durch die Geschichte in vierzig Filmen

  • Aktualisiert am
          2 Min.

          Die Berlinale hat für ihre Jubiläums-Retrospektive den renommierten englischen Filmkritiker und Schriftsteller David Thomson gebeten, eine persönliche Reise durch sechzig Jahre Berlinale anzutreten und eine Schneise durch den Wald aus Hunderten von Filmen zu schlagen. Wie er dabei vorgegangen ist, hat er uns aus San Francisco in einem Gespräch per E-Mail erklärt. Knapp vierzig Filme hat er ausgesucht, von denen wir einige mit Zitaten aus Thomsons „Have You Seen...? - A Personal Introduction to 1000 Films“ (Penguin) vorstellen.

          Sie waren noch nie auf der Berlinale. Können Sie uns ein Bild entwerfen, das Sie von dem Festival haben?

          Mein Bild des Festivals ist das einer weiten, dunklen Stadt kurz vor dem Einfrieren, in der die gezeigten Filme überall wie große Kohlebecken verstreut sind. Ich sehe ein sehr wichtiges, geschäftsmäßiges Festival, das mit dem bitteren Witz und der surrealen Einbildungskraft einer großen Stadt betrieben wird (Berlin muss einen großen Respekt für den Wahnsinn und das Irrationale haben). Ich sehe Millionen junger Leute, die heiß darauf sind, neue Filme zu sehen. Und ich begrüße in der Tat die Chance, mir Orte vorzustellen, die ich nie gesehen habe. Im Grunde ziehe ich das Eingebildete dem Realen in den meisten Bereichen vor - Filme, Frauen, Fußball, Essen, Orte. Ich begeistere mich für Filme, die nie gemacht wurden. Denn sie sind voller Überraschungen.

          David Thomson, 1941 in London geboren, lebt in San Francisco. Berühmt wurde er durch sein hemmungslos subjektives „Biographical Dictionary of Film”
          David Thomson, 1941 in London geboren, lebt in San Francisco. Berühmt wurde er durch sein hemmungslos subjektives „Biographical Dictionary of Film” : Bild: AP

          Wie sind Sie vorgegangen, um aus der Flut von hier gezeigten Filmen Ihre Auswahl zu treffen?

          Ich habe erst mal das Wesentliche herausgesucht. Und habe mich auf einen Film pro Regisseur beschränkt. Ich habe versucht, den einzelnen Ländern gerecht zu werden. Und habe das Fehlen großer Komödien beklagt - hat Berlin denn Lubitsch völlig vergessen?

          Und welche Filme sind als Letztes von Ihrer Liste gestrichen worden?

          Knapp gescheitert sind „Die Ratten“ von Robert Siodmak (den habe ich nie gesehen), „Overlord“ von Stuart Cooper, „Cul-de-Sac“ (Wenn Katelbach kommt) von Roman Polanski (den liebe ich, aber da gab es keine Kopie), „Wetherby“ von David Hare (keine Kopie) und „Stammheim“ von Reinhard Hauff.

          Ist das mit dem Zusammenstellen eines Musik-Tapes für einen Freund vergleichbar?

          Das kommt hin, obwohl dann mehr Komödien dabei wären, wenn es für einen Freund wäre. Und wenn die Welt mehr Komödien machen würde. Das ist der Grund, warum wir am Ende über düstere Filme lachen und das schwarzen Humor nennen.

          Die Geschichte, die Sie mit Ihrer Auswahl erzählen - ist das eher Ihre Geschichte oder die der Berlinale?

          Interessante Frage. Ich habe eine Art tiefsitzendes Bedürfnis, in Berlin über unsere unausweichliche schicksalshafte Verbindung mit dem Schrecken zu sprechen - auch dem Schrecken als etwas, das nicht zuletzt von Deutschland ausging. Wie Sie werden erraten können, habe ich mit Deutschland noch eine Rechnung offen.

          Erinnern Sie sich, wann Sie „A bout de souffle“ zum ersten Mal gesehen haben?

          Das war in London im National Film Theatre. Meine große Godard-Erfahrung war allerdings „Vivre sa vie“ (Die Geschichte der Nana S.), den ich während der Kuba-Krise 1962 gesehen habe. Da habe ich Godard zum ersten Mal richtig „verstanden“.

          Gibt es andere Film in Ihrer Auswahl, die Sie mit einem besonderen Kinoerlebnis verbinden?

          Ja, „The Deer Hunter“ in einem vollen Kino mit lauter Vietnam-Veteranen. Die Leute haben aufgeschrien, als hätten sie Schmerzen.

          Die Berlinale verneigt sich vor den Kinos als Abspielstätten, während man überall ihr Verschwinden beklagen muss. Wie lange wird es das Kino, so wie wir es kennen, noch geben?

          Kinos, wie es sie in meiner Kindheit in den vierziger Jahren gab, existieren nicht mehr. Sie sind weniger groß, billiger ausgestattet, weniger gut besucht, weniger auf die Filmprojektion angewiesen. Alles ist am Verschwinden, aber das ist Teil der Spannung - werden wir in der Scheiße landen oder in Marlene Dietrichs Schoß? Oder in Romy Schneiders Schoß? Was davon haben wir verdient?

          Welche Ihrer Lieblingsfilme haben Sie nur auf DVD gesehen?

          Keinen. Außer „Red Riding“, der Fernsehverfilmung von David Peaces Romantrilogie. Und ein paar Filme von Alexander Sokurow. Das macht allerdings einen gewaltigen Unterschied.

          Und Ihre Lieblingsszene in der Retrospektive?

          Das Ende von Jean Renoirs „The River“ - einer der ersten großen Reisefilme, in denen ein Regisseur sich an einen fremden Ort begibt und seine tiefsten Fragen beantwortet findet.

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