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Berlinale: Filme im Wettbewerb : Was der Krieg vom Menschen übrig lässt

Heimkehr im Handwagen: Leutnant Kurokawa kommt als Held und Versehrter aus dem Krieg zurück Bild: dpa

Koji Wakamatsu Film „Caterpillar“ über das Leben eines versehrten japanischen Kriegsheimkehrers zeigt die Auswüchse von Patriotismus und Heldenverehrung. Er ist eine Zumutung für sensible Gemüter und ein Fest für Liebhaber ausgefuchster Erzählweisen.

          Vor zwei Jahren ermöglichte die Berlinale das internationale Comeback eines legendären Regisseurs, des 1936 geborenen Koji Wakamatsu. In den siebziger Jahren war er als filmischer wie intellektueller Parteigänger der terroristischen japanischen Roten Armee ebenso berühmt wie berüchtigt geworden und hatte einige der meistgesuchten Aktivisten in deren Trainingslager im Nahen Osten besucht, was seiner Karriere nicht förderlich war. Erst sein 2008 im Forum gezeigter fast dreistündiger Film „United Red Army“, der das desaströse Scheitern der extremistischen Linken in seinem Heimatland erschütternd realistisch nachstellte, brachte Wakamatsu ins Bewusstsein des Weltkinos zurück. Nun schickt der Dreiundsiebzigjährige seinen gerade fertiggestellten „Caterpillar“ in den Wettbewerb der Berlinale.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Es ist das bislang radikalste Werk in dieser Konkurrenz – eine Zumutung für sensible Gemüter und ein Fest für Liebhaber ausgefuchster Erzählweisen. 1940 kehrt der japanische Leutnant Kyuzo Kurokawa als hochdekorierter Kriegsheld nach Hause zurück. Doch die kaiserlichen Orden sind teuer bezahlt: mit dem Verlust beider Arme und Beine sowie Kopfverletzungen, die Sprache und Gehör geschädigt haben. Als Torso gibt die Armee Kyuzo an seine Frau Shigeko zurück, und die läuft bei diesem Anblick schreiend aus dem Haus und flieht in die überfluteten Reisfelder.

          Reduziertes Leben

          Doch ihr Pflichtgefühl obsiegt, zumal die nationalistische Presse ihren Mann als „Kriegsgott“ verherrlicht. Im Wohnzimmer wird ein veritabler Altar aufgebaut: oben Porträtfotos des Kaiserpaars, darunter ein Zeitungsausschnitt über Kyuzos Taten, die Ehrenzeichen und das Schwert. Davor aber liegt unbeweglich auf dem Boden ein Wrack von Mensch, jene Raupe, die der auch im Original englische Filmtitel bezeichnet. Nur elementarste Körperfunktionen bleiben: Schlaf, Essen, Ausscheidung – und Sex. Obwohl sich Kyuzo nicht mehr klar artikulieren kann, fordert er sein eheliches Recht vehement ein.

          Wakamatsu testet mit diesem Arrangement die Ekelschwelle seiner Zuschauer aus, denn Shima Ohnishi spielt den Verkrüppelten mit animalischer Energie, und Shinobu Terajima lässt als seine schöne Gattin den Widerwillen spüren, den ihre Figur gegenüber dem virilen Elend verspürt, das sie am Leben zu erhalten hat. Doch schon zu Beginn von „Caterpillar“ zeigt Wakamatsu, dass hier mehr auf dem Spiel steht als bloße körperliche Versehrung eines Individuums. In einem Flammenmeer, zu dem der Film unmittelbar aus blutrot eingefärbten Wochenschauaufnahmen vom Krieg überschneidet, wird eine junge Chinesin vergewaltigt und ermordet – von Leutnant Kurokawa. Als Soldat setzte er die Gewalt fort, die er zuvor seiner Frau angetan hatte, weil sie ihm keine Kinder schenken konnte.

          Fortgepflanzter Wahnsinn

          Dieser Zusammenhang enthüllt sich erst langsam im Laufe der nur fünfundachtzig Minuten, die Wakamatsu für sein Kammerspiel braucht. Angesiedelt ist es in einem dörflichen Mikrokosmos des nationalistischen Japans der dreißiger und vierziger Jahre. Nur der Dorftrottel, der hier eine reiche japanische Filmtradition fortsetzt, verfällt nicht dem Größenwahn. Die Begeisterung aller anderen für die Nation und deren Helden macht sich Shigeko zunutze, um sich an ihrem Mann zu rächen: Jeden Tag führt sie den grotesk entstellten „Kriegsgott“ gegen dessen Willen aus und lässt sich für ihre vorbildliche Pflege von den Nachbarn als Patriotin feiern.

          Es ist eine Ehehölle, die Wakamatsu vorführt: zwei sich in gegenseitigem Hass steigernde Japaner, die dem Regisseur Pars pro Toto sind für die Nachkriegsgesellschaft seiner Heimat, in die jene Generation hineingeboren wurde, die zwanzig Jahre später dem linksradikalen Extremismus verfiel. Der Wahnsinn pflanzte sich in Wakamatsus Augen fort – auch deshalb, weil etliche Hauptkriegsverbrecher nach dem Krieg trotz fast tausend alliierter Hinrichtungen unbehelligt blieben, während Millionen von Japanern ihr Leben im Bombenkrieg verloren. Dessen Schrecken zeigt Wakamatsu dann zum Schluss wieder in historischen Aufnahmen. Die Botschaft seines Films ist denkbar einfach, ihre Inszenierung aber erfolgt nach allen Regeln japanischer Kinokunst.

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