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Berlinale : Des Teufels Schauspieler: „Jud Süß - Film ohne Gewissen“

  • -Aktualisiert am

Widerwillig: Tobias Moretti (li.) als Ferdinand Marian, der an seiner Rolle in „Jud Süß” zerbricht Bild: APN

Das Publikum reagierte mit Buhrufen auf die Vorführung von Oskar Roehlers Wettbewerbsfilm „Jud Süß - Film ohne Gewissen“. Doch, auch wenn der Regisseur wahrscheinlich einen Skandal begrüßen würde - der Film über einen von Joseph Goebbels gebrochenen Schauspieler hat ihn nicht verdient.

          Am Ende der Pressevorführung gab es reichlich Buhs, und wie immer in solchen Fällen fragt man sich, was die Leute eigentlich so erregt: Hatten sie ernsthaft hohe Erwartungen, die enttäuscht wurden? Fühlten sie sich auf den Schlips getreten? War ihnen die Herangehensweise zu frivol? Nach Lage der Dinge wäre Roehler wahrscheinlich der erste, der einen Skandal begrüßen würde, aber dazu taugt sein Film nun wirklich nicht. Dafür ist er im Umgang mit seinem Stoff viel zu ernst.

          Und als er es einmal nicht ist und Roehler sich aus der Deckung wagt, setzte es gleich ein Pfui aus dem Zuschauerraum. Dabei geht er da endlich mal dahin, wo es wirklich weh tut. Da schnappt sich nämlich Gudrun Landgraebe als Frau des Ghettokommandanten den Schauspieler Ferdinand Marian (Tobias Moretti) und bittet ihn, es ihr im Hotelzimmer vor dem brennenden Berlin am Fenster von hinten zu besorgen, während er den Text der Vergewaltigungsszene aus „Jud Süß“ nachspricht. Da wird nochmal kühn das Thema des ganzen Films zugespitzt, während sonst nur noch die Mechanik des Plots am Werk ist, der Marian seinem traurigen Ende zuführen muss.

          Der Wutanfall Goebels'

          Tatsächlich hat Roehler da einen gewaltigen Stoff angepackt, der ein Licht auf ein Kapitel deutscher Filmgeschichte wirft, das bis heute weggeschlossen ist. Denn der von Goebbels in Auftrag gegebene und von Veit Harlan inszenierte antisemitische Propagandafilm „Jud Süß“ ist bis heute indiziert und darf nicht öffentlich aufgeführt werden. Seine verhetzende Wirkung bei den Wachmannschaften der Konzentrationslager ist genauso verbürgt wie Ferdinand Marians anfänglicher Widerstand, diese Rolle zu spielen.

          Moritz Bleibtreu als Joseph Goebbels beim Anschauen seines Lieblingsprojekts, des antisemitischen Propagandafilms „Jud Süß”

          Und genau das ist das Thema des Films: wie ein Schauspieler widerwillig in eine Rolle schlüpft und wie sie zur Rolle seines Lebens wird, an der er schließlich zerbricht. Tobias Moretti spielt diese Gratwanderung glänzend, bei der er sich einerseits in seiner Eitelkeit geschmeichelt fühlt und andererseits aber nicht wohl in seiner Haut fühlt. Und wenn er dann ein einziges Mal Goebbels Paroli bietet und auf dessen Wutanfall seinerseits damit reagiert, ihm seinen gläsernen Aschenbecher vor die Füße zu werfen und die Rolle abzulehnen, was diesen aber nicht davon abhält, Marian beim Empfang dann als Darsteller des Jud Süß vorzustellen, dann liegt in den Blicken von Marians halbjüdischer Frau Anna (Martina Gedeck), die ihrem Mann die Widerstände ohnehin nie abgenommen hat, das ganze Drama des Films und auch seine darstellerische Tiefe. Mit einer Ausnahme – und die ist das Problem des Films.

          Kein Grund zum Buhen

          Moritz Bleibtreu ist als Joseph Goebbels eine Karikatur, die so sehr auf die eine Note der rheinischen Jovialität ausgelegt ist, dass sie irgendwann nur noch wie ein harmloser Spaß wirkt. Und gerade dadurch, dass er Goebbels als großem Gegenspieler viel Raum gibt, wirkt er Film dann auf fast kindische Weise so, als würde er sich darin suhlen, etwas irgendwie Anrüchiges tun zu dürfen. Da sagt ein einziger Händedruck von Sylvester Groth in „Inglourious Basterds“ mehr als die ganzen Reden, die Bleibtreu als Goebbels schwingt.

          Dass für Harlan (Justus von Dohnanyi) bei Roehler dann nicht mehr herausspringt als die Rolle des willfährigen Spielleiters, ist unter den Umständen klar. Dabei hätte das Ringen von Regisseur und Schauspieler um die Interpretation der Titelrolle womöglich noch mehr Stoff geboten. Denn Marian, so erzählt es der Film, war entschlossen, nachdem er sich ins Unvermeidliche gefügt hat, den Auftrag zu unterwandern, indem er den Juden so sympathisch wie möglich anlegte. Im Film ist das Harlan überhaupt nicht recht, aber als Goebbels die Szene in Marians Interpretation sieht, ist er begeistert. Und Marian sieht sich bestätigt in seiner Selbstlüge, er arbeite nicht an einem Propaganda-, sondern an einem künstlerisch wertvollen Film. Aber die Spannung dieser Konflikte hält der Film auf Dauer nicht. Interessant hätte es nochmal werden können durch die nachgestellten Szenen aus „Jud Süß“, aber auch die erschöpfen sich im Gestus des Verbotenen und finden nicht den Punkt, an dem diese Konfrontation fruchtbar würde. Aber zum Buhen ist das noch lang kein Grund.

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