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Video-Filmkritik : Alles nur Bluff: „The International“

  • Aktualisiert am
          2 Min.

          Tom Tykwers „The International“ beginnt mit einem Mord vor dem Berliner Hauptbahnhof; dann muss der Held einem Killerradler ausweichen, wird von einem Auto angefahren, liegt am Boden, wo ihm Hören und Sehen vergangen ist - und dem Zuschauer geht es erst mal umgekehrt. Der Anfang macht Lust, und wenn in diesem Film geprügelt und geballert wird, wenn die Kamera zum Zielfernrohr wird und die teuren Requisiten in Trümmer gehauen und geschossen werden, ist Tykwer ganz auf der Höhe seines Könnens.

          Es gibt in diesem Film, der, weil er die Internationalität schon im Namen hat, sich nicht lange mit Berlin aufhält, sondern weiterreist, nach Lyon und Luxemburg, nach Mailand und New York, es gibt, als Höhepunkt des zweiten Aktes, eine Schießerei auf der Rampe des Guggenheim-Museums, die ist schon deshalb so sensationell, weil Tykwer hier, was ganz aus der Mode gekommen ist, die Übersicht behält und so präzise inszeniert, dass man bei jedem Schuss auch weiß, wer geschossen hat. Und wer getroffen wurde. Die Szene ist ganz unmittelbar ein Vergnügen für die Sinne, weil da so viele und so kostbare Dinge mit so viel Krach und Tempo kaputtgemacht werden, ohne dass man fürchten müsste, dass ein Querschläger den Zuschauer erledigt.

          Und die Szene ist ganz wunderbar als Kommentar zu jener modernen Kunst, die so viele ihrer Inspirationen den Schocks und Sensationen des Kinos verdankt. Wenn Tykwer fertig ist mit dem Guggenheim, sieht es dort so aus, als hätten sämtliche Krawallschachteln des Kunstbetriebs, von Jonathan Meese bis John Bock und Tracey Emin, dort ein Jahr lang ihr Bestes gegeben. Wenn das Guggenheim wirklich Kunstsinn hat, kauft es diese Szene und lässt sie am Schauplatz als Video-Endlosschleife laufen.

          Aha, jetzt kommt's also

          Tykwer kann viel; zu den Dingen, die er weniger gut zu beherrschen scheint, gehört aber die Kunst des Drehbuchlesens. „The International“, so hat Tykwer der „Süddeutschen“ erzählt, sei der Film zur Bankenkrise - er komme sich vor, als hätte er einen Film über Watergate gedreht. Und danach sei Watergate geschehen.

          Das Dumme ist, dass das stimmt; nur nicht in dem Sinn, den Tykwer meint. „The International“ erzählt vom Kampf eines unerschrockenen Ermittlers gegen eine Bank, die mit Waffen handelt, Konflikte in aller Welt schürt, Politik und Polizei besticht und deren Killer und Agenten anscheinend allgegenwärtig sind. Eine Organisation ist das, die mit Le Chiffre mehr gemeinsam hat als mit den Lehman Brothers; und wenn, in einem Moment der Verzweiflung, einer der Ermittler sagt, die Bank könne gar nicht auffliegen, weil alle mit drinhingen, denkt man als Zuschauer dann doch: aha, jetzt kommt's also. Dann werden die Namen genannt: Hizbullah, CIA, die Mafia.

          Alles nur Bluff

          Wenn „The International“ ein Film zur Krise ist, dann deshalb, weil er blufft, weil er bloß mit Derivaten eines Thrillers handelt, weil er so tut, als ginge es um alles. Und in Wirklichkeit geht es um nichts. Clive Owen, der den Helden spielt, hechelt, ewig unrasiert und unausgeschlafen, den Winkelzügen des Drehbuchs hinterher. Aber der Film versagt ihm alles, was Helden interessant macht: den inneren Konflikt, den interessanten Gegenspieler, den Moment, in dem er sich für oder gegen etwas entscheiden müsste. Die böse Bank lebt bloß von dem Kredit, den unreflektierte antikapitalistische Ressentiments im Publikum ihr geben.

          Und Tykwers Behauptung, dass die Art, wie er hier die Paläste des Kapitals, die Konzernzentralen und die Monumente der Postmoderne inszeniere, dass all das die Machtverhältnisse reflektieren solle, die ist auch bloß ein Bluff, der sich spätestens in jener Szene offenbart, in der er Zaha Hadids sogenanntes „Phaeno“ aus Wolfsburg per Computer an den Gardasee versetzt: ein reines Angeberbild, ein spätes Echo auf Königin Amidalas Palast am Comer See im „Krieg der Sterne“.

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