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Tom Tykwer über die Berlinale : Der ganz normale Wahnsinn der Berlinale

  • -Aktualisiert am

Tom Tykwer, der Regisseur des Eröffnungsfilms „The International“, erzählt von durchwachten Festivalnächten, Marathonfilmen, 70-mm-Exstasen, Vorspannkünsten und träumt von der Zukunft des Films im Internet.

          8 Min.

          Meine erste Berlinale habe ich 1981 erlebt, als „Raging Bull“ Eröffnungsfilm war. Ich war damals sechzehn, habe als Vorführer in Wuppertal gearbeitet und dem Theaterleiter gesagt, ich könnte doch auf der Berlinale Scout spielen. Ich kam mit dem Zug an, schloss meine Tasche im Schließfach am Bahnhof ein, und dann wurden im Schnitt am Tag acht bis zehn Filme geguckt. Das für mich Erstaunlichste an der Stadt war, dass es keine Sperrstunde gab und alle Kneipen nachts durchgehend offen waren. So konnte man sich das Geld für die Jugendherberge sparen, indem man in ein Café ging, einen Kakao bestellte, sich in eine Ecke setzte und drei Stunden vor sich hin döste. Das reichte eigentlich auch, denn damals war es noch völlig normal, dass es eine Mitternachtsschiene gab, in der mindestens zwei Film liefen.

          Man konnte also bis vier Uhr in der Früh problemlos im Kino sitzen und musste dann eben nur noch die Zeit bis acht Uhr rumbringen, denn um halb neun gab es ja schon wieder die erste Wettbewerbswiederholung, damals noch im Gloria am Kurfürstendamm. Eine Dauerkarte für das ganze Festival kostete 120 Mark. Das war zwar ganz schön viel, aber damit konnte ich eigentlich alles sehen, vom Wettbewerb die Wiederholungen, und Panorama, Forum und Retrospektive in den richtigen Kinos.

          Ein starker Auftakt

          Ich erinnere mich an das Cover des Tip-Magazins: dieses ungeheuerliche Bild von De Niro, eine Faust trifft ihn im Gesicht, verzerrt ihn ins Groteske, das Blut spritzt in Fontänen. Ich weiß, dass ich damals schon darüber nachdachte, nach welchem Kriterien wohl Eröffnungsfilme ausgesucht werden, und diese Wahl für eine unglaublich starke Geste hielt. Ein harter, beunruhigender Autorenfilm als Auftakt für ein internationales Filmfestival, das widersprach dem Gerücht vom Konsenszwang doch kolossal.

          Als Dieter Kosslick schließlich 2002 die Berlinale übernahm, war ich ähnlich überrascht und erfreut, dass er sich für „Heaven“ entschieden hatte, denn auch das war nicht unbedingt die leichte Kost, die sich möglicherweise an so einem Abend einige wünschen. Wenn es also stimmt, dass ein Festival darum bemüht ist, mit dem ersten Film ein Signal zu setzen, was man programmatisch vorhat, dann hatte die Berlinale hier schon gewisse Zeichen gesetzt.

          Tag und Nacht

          Die Berlinale war schon immer ein Tag-und-Nacht-Festival, früher noch mehr als heute, aber sie hat sich eben auch ein wenig verändert mit der Stadt, die nicht mehr ganz so eine Nachtstadt ist wie vor zwanzig Jahren. Dieser leicht delirierende Zustand jedenfalls, in den man gerät, wenn man Tag und Nacht nichts anderes macht, als mit einer Horde von Gleichgesinnten Filme zu gucken, den erlebt man auf der Berlinale vielleicht noch intensiver als auf anderen Festivals. Das hat sicher auch mit dem Wetter zu tun: in Cannes oder Venedig gibt es dauernd die Verlockung, sich mit der Zeitung und einem Kaffee in die Sonne zu setzen. Hier in Berlin hat man als Zuschauer eigentlich keine andere Wahl, als ins Kino zu gehen. So treibt uns die Kälte zuweilen auch in Filme, die wir sonst übergangen hätten, und so verhilft der späte Winter oft den leisen Sonderlingen im Programm zu einem vollen Haus. Der Druck zum Innenraum generierte auch immer schon überdurchschnittlich viele Veranstaltungen, in denen recht manisch übers Kino geredet wurde, und förderte stets den ästhetischen Diskurs, wenn man ihn suchte.

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