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„Perspektive Neues Kino“ : Als ich noch Prinz von Albanien war

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Der Rest vom Fest: Berlinale-Partygäste am Morgen danach in Peter Dörflers Spreepark-Doku „Achterbahn” Bild: Dörfler

In der Reihe „Perspektive Deutsches Kino“ glänzen vor allem junge Dokumentarfilmer. Peter Dörfler zeigt die kriminellen Kapriolen einer Berliner Schausteller-Familie. Und doch ist „Achterbahn“ alles andere als ein sensationsgieriger Enthüllungsfilm.

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          Die Abenteuerlust scheint Norbert Witte in den Genen zu liegen. Ein Vorfahre von ihm hat sich 1913 in den Wirren des Balkankrieges angeblich zum König von Albanien krönen lassen. Die Köpenickiade dauerte vier Tage. Etwas länger, ein ganzes Jahrzehnt, durfte sich Norbert Witte, Jahrgang 1955, als „König vom Plänterwald“ fühlen, genauer: des 1969 im OstBerliner Stadtbezirk Treptow am Ufer der Spree gegründeten Vergnügungsareals, das Witte 1990 zuerst als Geschäftsführer, ab 1997 als Inhaber führte. 2001 waren ihm die Schulden über den Kopf gewachsen, der Spreepark meldete Insolvenz an, und Anfang 2002 befand sich Witte mitsamt seiner Familie und sechs Fahrgeschäften auf dem Fluchtweg nach Peru, wo ihm jemand eine goldene Zukunft ausgemalt hatte. Daraus wurde gar nichts.

          Über eine Affäre mit einer Peruanerin zerbrach die Ehe des Schaustellers, der wenig später mehrere Herzinfarkte erlitt und wieder nach Deutschland flog, nicht ohne vorher die Rückführung der Karussells durch seinen Sohn Marcel in die Wege geleitet zu haben. Jemand gab der Polizei einen Hinweis auf das in den Containern versteckte Drogenpaket, dessen Transfer aus der Schuldennot helfen sollte. Die Karusselle blieben in Peru und der Sohn auch – im Gefängnis, für zwanzig Jahre. Ob und wie der heute Achtundzwanzigjährige unter den dortigen Umständen überlebt, ist mehr als fraglich. Einen Versuch, ihn zu vergiften, hat er mit knapper Not überstanden.

          Nur das Riesenrad blieb vom Königreich

          Norbert Witte wurde 2004 in Berlin zu einer siebenjährigen Haftstrafe verurteilt. Im vergangenen Jahr kam er vorzeitig frei und lebt seitdem in einem Wohnwagen auf dem Gelände des allmählich von der Natur zurückeroberten Spreeparks, für den zur Freude der Anwohner bislang kein neuer Betreiber gefunden wurde. Nur das Riesenrad, das in keinen Container passte, zeugt noch vom Witteschen Königreich.

          So weit die Fakten, die in der Lokalpresse seit Jahren für Schlagzeilen sorgten und aus denen Peter Dörfler in seiner ersten eigenständigen Regiearbeit einen großartigen Dokumentarfilm gemacht hat, der viele Einzelheiten aufspürt. Zeugen und Beteiligte treten auf, Archivaufnahmen und Fotos rufen vergangene Zeiten im Spreepark und vor allem im Leben der Familie wach, die Dörfler mit Respekt porträtiert, ohne sich einen Moment selbst nach vorn zu drängen.

          Eine Zirkusdiskothek am Hauptbahnhof

          „Achterbahn“ ist der passende Titel zu dieser Unternehmergeschichte, die durch die Atmosphäre des Rummelplatzes zwar einen schrägen Charme entwickelt, andererseits aber nicht sonderlich untypisch für manchen kleinen Aufsteiger sein dürfte, der es mal zu etwas bringt, dann auf die Nase fällt, um bei nächster Gelegenheit wie ein Stehaufmännchen wieder von vorn zu beginnen. Schon einmal, 1981, als in Hamburg auf einem seiner Karusselle sieben Menschen zu Tode kamen, stand Witte vor dem Aus. Anschließend tingelte das Unternehmen mehrere Jahre durch Italien und Jugoslawien, bis im Berliner Osten 1990 die Glücksstunde zu schlagen schien. Auch heute hat Norbert Witte der Initiativgeist nicht verlassen: In der Nähe des Berliner Hauptbahnhofes führt der Schausteller den Regisseur auf ein brachliegendes Gelände, auf dem er in Bälde eine Zirkusdiskothek zu eröffnen hofft.

          Und doch ist „Achterbahn“ alles andere als ein sensationsgieriger Enthüllungsfilm. Viele Gespräche lassen am Drama dieser Familie teilhaben, wo Frau und Tochter lange zu dem Patriarchen gestanden haben und alles tun, das Leben des Sohnes und Bruders zu retten. An ihrer Seite betritt Dörfler auch das Gefängnis in Lima, wo sich vor dem Auge der Kamera eine Dantesche Welt elendster Gestalten eröffnet, die Hölle, aus der allein Geld und Beziehungen die Tür nach draußen öffnen können. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, darf man prophezeien, bis Spielfilm, Theater oder ein Romanautor sich dieses Shakespeareschen Stoffes bemächtigen werden.

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