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FAZ.NET-Spezial: Berlinale 2006 : Im Kampf der Bilder

Berlinale 2006: Isabelle Huppert auf dem Roten Teppich Bild: dpa/dpaweb

Die Berlinale bleibt auch in diesem Jahr ein politisches Festival: Sie lieferte die Filme zu den Schlagzeilen des Tages. Und hat bewiesen, daß gerade heute, während blutig um Bilder gestritten wird, das Kino unerläßlich ist.

          Die Internationalen Filmfestspiele in Berlin, die an diesem Wochenende zu Ende gehen, begannen vor zehn Tagen auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen um die Mohammed-Karikaturen. Und sie hatten den Film zum Thema im Programm, Romuald Karmakars „Hamburger Lektionen“.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Ölpreise steigen, und der amerikanische Beitrag „Syriana“ erzählt, warum. Aus Iran kommen Nachrichten über geheime militärische Atomprogramme, und die Berlinale zeigte insgesamt sechs Filme von dort, die uns ein Bild der Lebensumstände, der Rückständigkeit und Ungleichzeitigkeit geben, die eine ganz andere Sprache sprechen als die Regierung des Präsidenten Ahmadineschad. Daß Exil-Iraner Propagandavorwürfe gegen die völlig unverdächtigen Filme erheben, gehört ebenso zum gewohnten Begleitprogramm des Festivals wie die Proteste palästinensischer und israelischer Filmemacher gegen ein von der Europäischen Union gefördertes Filmzentrum für Dokumentarfilme aus den Mittelmeerstaaten.

          Schlagzeilen und Filme

          Neue Folterfotos aus Abu Ghraib und die Forderung einiger Mitglieder der Menschenrechtsorganisation der Vereinten Nationen, das Gefangenenlager im kubanischen Guantanamo wegen fortdauernder Folterungen zu schließen, machen Schlagzeilen; und das Filmfestival zeigt Michael Winterbottoms „The Road to Guantánamo“, dessen Mischung aus Dokument und Fiktion im Wettbewerb beklatscht wurde und gegen den bisher niemand Propagandavorwürfe erhoben hat. Deutschland beschäftigt sich auf vielfältige Weise mit der Einwanderung, die Berlinale hat die deutsch-türkischen Filme dazu im Programm, wie auch Filme über Anfang und Ende des Rock 'n' Roll in der DDR, über in ihren Slum in Miami heimkehrende amerikanische Soldaten nach dem Irak-Einsatz, über wehrpflichtige Frauen in Jerusalem, die Stasi und so weiter aus der ganzen Welt.

          Szene aus „The Road to Guantánamo”

          Es gab keinen thematischen Schwerpunkt in diesem Jahr, wie es im vergangenen etwa Afrika war. Verlegen um ein verbindendes Element der verschiedenartigsten Filme, kam so die Rede vom politischen Festival wieder zu Ehren, die vor langer Zeit einmal etwas ganz anderes bedeutete als den mehr oder weniger zufälligen Bezug der Festivalfilme aufs Tagesgeschehen, wie er sich in diesem Jahr ergeben hat. Vor dem Mauerfall waren die Filmfestspiele ein wichtiger Ort vor allem für Filmemacher aus Osteuropa. Den zu Warschau am nächsten gelegenen Ort der Freiheit, so nannte der Pole Andrzej Wajda Berlin in diesen Tagen in Erinnerung an jene Zeit. Heute gehören Filme aus Osteuropa in allen Sektionen zum Standardprogramm, Aufsehen erregen sie nur noch selten.

          Die Leerstellen füllen

          Das politischste unter den drei großen europäischen Filmfestivals zu sein, wie es uns in diesem Jahr die Macher von überall her entgegenriefen, kann, auch wenn es sich jetzt so fügte, natürlich nicht heißen, zu jeder Nachricht den passenden Film vorzuführen. Vielmehr bedeutet es heute vor allem dies: Filme zu zeigen, welche die Leerstellen an Anschauung, Analyse, Gefühl und Mitgefühl füllen, an denen die Bilderflut des Fernsehens vorbeiströmt.

          Lange schon wurde dem Kino nicht mehr in dieser Eindeutigkeit eine gesellschaftliche Verantwortung zugewiesen wie auf der Berlinale in diesem Jahr. Und wenn das Kino tatsächlich noch eine Aufgabe hat, wie es während des Festivals schien, dann diese: menschliche Schicksale, wahre wie erfundene, zu bezeugen und Beispiele zu geben von Veränderung; Splitter von Geschichte zusammenzufügen; Frauen, die sich unter Schleiern verbergen müssen, ein Gesicht zu geben; die Wahrnehmung auf abgelegene Orte zu lenken und auf die Menschen, die dort leben; das Verschwinden von Landschaften zu dokumentieren und Bewegungen sichtbar zu machen, seien es das Hin und Her von Flüchtlingen, der globale Waren-, Geld- und Informationsverkehr oder das Driften von Großstadtbewohnern. Daß bei alldem die visuelle Überwältigung, das ästhetische Wunder, das Glück beim Entdecken eines Meisterwerks sich nicht einstellten, ist vielleicht die Folge eines solchen Kinos der politischen Bezüge.

          Niederschmetternde Zahlen

          Dem Kino in Deutschland geht es nicht gut. Kurz vor Beginn der Berlinale kamen die Besucherzahlen des vergangenen Jahres an die Öffentlichkeit. Sie sind niederschmetternd. Ein Besucherrückgang von fast dreißig Millionen bewirkte einen Umsatzschwund von etwa 148 Millionen Euro. Der Marktanteil des deutschen Films, der in Berlin so präsent war und so gepriesen wurde wie seit Jahrzehnten nicht mehr, schrumpfte um mehr als ein Viertel. Nicht einmal zweimal im Jahr geht der Durchschnittsdeutsche ins Kino. Während der Filmfestspiele ist das alles anders, die Kinosäle sind sämtlich überfüllt, das Kartenkontingent ist fast immer erschöpft.

          Wenn es stimmt, wie der Verlauf der Berlinale es nahelegt, daß das Kino sich eine Bedeutung wiedererkämpft hat, die es einst ans Fernsehen verloren hatte, ist das geringe Interesse der Zuschauer am Film jenseits des Festivals eine schwarze Nachricht nicht nur für alle, die in der Branche arbeiten. Denn sie bedeutet, daß Geschichten erzählt, aber nicht gehört werden, die uns besser begreifen ließen, was auf der Welt geschieht; daß Menschen vor die Kamera treten, aber niemand hinschaut; daß Zusammenhänge und Verwicklungen sichtbar gemacht werden, von denen kaum einer eine Ahnung hat. Doch Film ist ein zyklisches Geschäft, und vielleicht dringt von der Berlinale die Nachricht an die Zuschauer, daß gerade heute, während blutig um Bilder gestritten wird, das Kino unerläßlich ist.

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