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FAZ.NET Spezial: Berlinale 2005 : Das Verschwinden der Bilder

Der Regisseur, die Hauptdarstellerin: zwei Silberne Bären für „Sophie Scholl” Bild: AP

War das die Berlinale? Ein Goldener Bär für „U-Carmen eKhayelitsha“, eine Adaption von Bizets Oper in den Townships von Südafrika, zwei Silberne für „Sophie Scholl“ - und mehr gute Absichten als gute Filme.

          4 Min.

          Unter dem Pflaster des Potsdamer Platzes liegt zwar nicht der Strand, aber die Wildnis ist nur ein paar Minuten entfernt. Wenn der Platz vor dem Berlinalepalast auf einmal fast menschenleer ist, weil drinnen im Saal die nächste Vorführung begonnen hat, kann man an einem kalten, sonnigen Vormittag diese Stadtkulisse, in der urbanes Leben inszeniert wird, einfach hinter sich lassen. In weniger als fünf Minuten steht man mitten im Tiergarten.

          Peter Körte
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Da ist der Trampelpfad quer über die Wiese, den Julia Hummer in der Schlußszene von Christian Petzolds "Gespenster" nimmt. Sie hat sich vier Schwarzweißfotos auf einem Blatt Papier angeschaut. Sie hat das Blatt wieder in den Papierkorb neben der Parkbank geworfen und uns den Rücken zugekehrt. Wir werden nie erfahren, was sie in ihnen gesehen und übersehen hat.

          Fetzen, Farben mit besonderer Kraft

          Ein bißchen geht es einem auch so, wenn man die vielen Bilder dieser 55. Berlinale noch einmal in eine Reihenfolge zu bringen versucht. Lauter Fetzen, lauter Farben, unter denen einige eine besondere Kraft entwickeln. Das Grau: Der alte Mitterrand, "Le promeneur du champ de mars", sitzt im Zug und sagt, daß Grau seine Lieblingsfarbe sei, weil sie so unendlich viele Schattierungen habe. Das unwirkliche Rot in "Gespenster", in das Sabine Timoteo und Julia Hummer getaucht sind wie in ein Entwicklerbad, während sie tanzen und die Welt um sich herum vergessen.

          Das harte, weißliche Licht von Tanger, das Licht von "Les temps qui changent", in dem ein Mann (Gerard Depardieu) nach dreißig Jahren seine alte Liebe (Catherine Deneuve) wiederzugewinnen sucht. Das Grün der Schale, das Rot des Fleisches, das Schwarz der Kerne: die Melonen, die in "The Wayward Cloud" als Durstlöscher und Sexualobjekt dienen. Das milde, helle Blau der Trainingsanzüge und das Rostrot der Cousteau-Pudelmützen in "Die Tiefseetaucher". Das Blutrot auf dem weißen Hemd des gescheiterten Pianisten in "Der Schlag, der mein Herz verspielte".

          Der ärgerlichste Film

          Sechs Filme, die bleiben, die verschiedener kaum sein könnten, die nicht alle funktionieren, in denen jedoch die ganze Ökonomie des Kinos steckt: die spielerische Verschwendung und die Askese, die nervöse Unruhe und die Sublimierung, die Anarchie und die Ordnung. Doch leider war da auch noch das penetrante Sepia in Lájos Koltais Verfilmung von Imre Kertész' "Roman eines Schicksallosen". Die Kamera mischt sich mit einer bizarren Mischung aus Pietät und Obszönität in die Reihen der Häftlinge auf dem Appellplatz von Buchenwald, und eine Requiemsoße von Ennio Morricone gibt es noch dazu.

          Das war der ärgerlichste Film, und daß er nicht völlig unterging, verdankt er der Höflichkeit eines Imre Kertész, der auf der Pressekonferenz so diskret, wie es seine Art ist, andeutete, daß er das Drehbuch nur geschrieben habe, um ein bereits existierendes, schlimmeres zu verhindern. Die Bilder, die sich Koltai gemacht hat, gehen auf seine Rechnung: Holocaust-Kitsch.

          Wovon das Fernsehen nichts wissen will

          Doch neben dem Grauen, das kulinarisch wird, gab es die Bilder, die wie ein Schlag in den Magen wirken. Zweimal wurde im Wettbewerb vom Genozid in Ruanda erzählt - die Leichen sind zwar Komparsen, die Schrecken aber real. Es gab Kindersoldaten in Uganda, die Rekonstruktion der Massaker in den Palästinenserlagern Sabra und Schatila, den schmutzigen Krieg in Tschetschenien in den Dokumentationen, die nicht bloß den eher zwiespältigen Ruf der Berlinale als politisches Festival bekräftigten, sondern die vor allem zeigten, wovon das Fernsehen nichts wissen will.

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