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Der Juror im Gespräch: Christoph Schlingensief : Besser als im Sonntagsgottesdienst

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Freunde aus alten Tagen: Tilda Swinton und Christoph Schlingensief
          3 Min.

          Der Filmemacher, Künstler, Theater- und Opernregisseur Christoph Schlingensief erzählt von seiner Arbeit in der Berlinale-Jury, ärgert sich übers deutsche Fernsehen, träumt von einem eigenen „Tatort“ und sieht das Kino im Idealfall als eine Art Kirchenersatz.

          Was für Erinnerungen haben Sie an frühere Berlinalen?

          Christoph Schlingensief: Als Filmemacher wie als Besucher hatte ich schon immer mit der Berlinale zu tun. Mein erstes großes Erlebnis hier war allerdings ein Desaster. Es war die Premiere meines Films „Menü total“ 1986. Da waren am Anfang 1800 Zuschauer drin, nach dem Film noch 400 und darunter 200 voll gegen den Film. Es gab sogar eine Schlägerei. Wir haben dann neunzig Minuten mit Zuschauern diskutiert, und danach habe ich dann mit meiner Freundin Schluss gemacht. Und ich habe auch Tilda Swinton kennengelernt, mit der ich jetzt hier in der Jury sitze. Wir waren ein paar Monate zusammen, und in der Zeit haben wir meinen nächsten Film „Egomania“ gedreht, der im Jahr darauf wieder auf der Berlinale lief. So war das eben: Da wurde das großes Liebesleid gleich ins nächste Projekt reingeworfen. Das war eine gute Zeit.

          Die Berlinale ist ein Betrieb - und viele Ihrer Projekte richten sich ja eigentlich gegen Betriebe aller Art. Haben wir da von Ihnen noch etwas zu erwarten?

          Das ist natürlich auch wieder so ein Problem: dass man mich gern nur auf so etwas reduziert. Es gibt diese Leute, die dann sagen: „Oh, da wird es sicher noch Krach geben, da geht's jetzt heiß her. Gruppensex - mit Mankell, der einen Roman darüber schreibt.“ Ist alles Quatsch! Ich habe mir nur vorgenommen, einen Film zu finden, der mich entweder politisch anmacht oder mir einen Blick zeigt, den ich noch nicht habe, auf ein Land, das ich noch nicht kenne. Und zweitens suche ich auch einen Film, der auf produktive Weise filmisch unausgegoren ist, der irgendwie etwas anderes probiert. Das würde mich auch interessieren: eine doppelte Erzählweise - hier sieht man jetzt natürlich Filmchen, die alles sehr stark im Kausalzusammenhang behandeln. Aber mein Freund, der Schauspieler Alfred Edel, hat mir beigebracht, wenn ich etwas geschrieben hatte, zu sagen: „Ist das kausal, oder ist das akausal? Wenn es akausal ist, ist es gut!“ Das ist etwas, was vielleicht für die Zukunft auch bei der Berlinale-Programmauswahl wieder mehr präsent sein müsste.

          Sie selbst haben als Filmregisseur begonnen, aber jetzt relativ lang keine eigenen Filme mehr gemacht. Wie kommt das?

          1987/88 wurden diese Anhörungstermine bei den Fördergremien überall komisch. Als ob sich ein Virus eingenistet hätte: jetzt schon wieder der mit seinen billigen Filmen. Es ging plötzlich darum, den Drehbüchern schon anzusehen, wo im Fernsehen die Werbung geschaltet werden kann. Das Ende musste feststehen, es blieb kein Raum für Spontaneität. Dem wollte ich mich nicht mehr aussetzen - weil ich auch gar nicht so arbeiten kann. Zugleich kamen in den Neunzigern diese ganzen komischen Filme - ich nenne jetzt keine Titel -, da war die Komödie ganz hoch im Kurs, die Cinemaxxe wurden gebaut, die Programmkinos wurden eingerissen. In der letzten Zeit wächst bei mir wieder das Bedürfnis, doch einen „richtigen“ Film zu machen. Aber da habe ich jetzt schon wieder Ärger mit einem Sender.

          Weshalb?

          Ich würde sehr gern einen „Tatort“ drehen, vielleicht als Teil des Programms für die europäische Kulturhauptstadt - aber natürlich ganz anders: Den „Tatort“, der ja eine eingefahrene Institution ist, mal zu nehmen und umzudefinieren, das wäre doch super. Und so simpel. Das wäre in allen Wohnzimmern gelandet, das wäre eine tolle Eröffnung für dieses Kulturjahr gewesen. Jetzt machen sie aber wieder Lichtarchitektur an der Autobahn. So eine Idee wird dann aber richtig ausgesessen. Man bekommt keinen Rückruf. Ich habe dem Redakteur jetzt noch mal geschrieben, dass mir dieses Verhalten auch während meiner Krankheit im letzten Jahr weh getan hat. Denn er weiß, dass ich krank bin, dass es bei mir einen gewissen Druck gibt. Denn ich weiß eben auch nicht genau, was bei mir als Nächstes passiert. Ich weiß nicht, wie lange das mit mir noch geht. Deshalb brauche ich klare Antworten. Man kann mir auch sagen: „Mach dir keine Hoffnungen, ich bekomme das nicht durch in dem Haus.“ Das ist mir viel lieber, als wenn mich einer hinhält über sechs Monate.

          Was fanden Sie in den letzten Jahren als Zuschauer im Kino gut und interessant? Können Sie etwas nennen, das Sie richtig mitgerissen hat?

          Kann ich komischerweise nicht. Außer ein Film wie „Torpedo“ von Helene Hegemann. Das ist jetzt mal endlich eine Vision, eine junge Regisseurin, die mit wenig Geld was macht, wie sie es will - und das ist zu erwarten von einer Filmförderung, die eine kulturelle sein will, wie wir sie wieder brauchen in Deutschland. Natürlich gibt es immer mal wieder anderes, was einen anmacht: Das eine war die TV-Serie „24“. Da fand ich die Cliffhanger toll und diese Schnelligkeit, das Nebeneinander, hier Handlung und da wieder weitermachen. Meine Freundin und ich haben alle sechs Staffeln gesehen. Das wäre eine Methode. Dann gab es die Filme von Alexander Kluge. Und dann sind mir die Filme von David Lynch immer wieder lieb - weil ich da einfach in so ein Gestrüpp reinkomme und nicht mehr sagen kann: Das ist jetzt die richtige Interpretation, und ich muss sie auch gar nicht bringen. Aber ich weiß: Der Film wird mich spirituell erfassen. Und dann ist der Film vielleicht auch ein besserer Kirchenersatz, als im Sonntagsgottesdienst wieder eine Stunde herumzusitzen.

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