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Berlinale-Wettbewerb : Die Erde weint am Brandenburger Tor

Irène Jacob in „Der Staub der Zeit” Bild: Berlinale

Das Berlin, das Theo Angelopoulos in „Der Staub der Zeit“ zeigt, ist das genaue Gegenteil des Tom Tykwerschen Berlins, wie man es in „The International“ sieht: keine Metropole aus Stahl und Glas, sondern eine alte, geschichtsgraue Stadt.

          Es ist die Berlinale der misslungenen Wiederholungen, der enttäuschten Hoffnungen und unerfüllten Versprechen. Stephen Frears schafft es in „Chéri“ nicht, die boshafte Ironie und schneidende Eleganz seiner „Gefährlichen Liebschaften“ in die Belle Epoque hinüberzuretten. Chen Kaige erzählt in „Forever Enthralled“ eine ganz ähnliche Geschichte wie vor fünfzehn Jahren in „Lebewohl, meine Konkubine“, aber auf eine ganz andere, pompöse, hölzerne und hurrapatriotische Art. Und der Schwede Lukas Moodysson, dessen „Mammoth“ bisher die größte Enttäuschung im Wettbewerb war, ist von der frechen Lebendigkeit seiner frühen Filme mittlerweile Welten entfernt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Und Theo Angelopoulos? Er malt noch immer mit der Kamera die Geschichtspanoramen, denen er sich seit seinen „Wanderschauspielern“ verschrieben hat: große, mit Pathos und Schönheit gesättigte Bilder aus den Kriegen und ideologischen Kämpfen des zwanzigsten Jahrhunderts. Sein Film „I skoni tou chronou“ („Der Staub der Zeit“) ist der zweite Teil einer vor sechs Jahren begonnenen Trilogie, die sich um die Figur des Flüchtlingskindes Eleni dreht. Im ersten Teil, „Die Erde weint“, war Eleni als Waise aus der griechischen Exklave Odessa nach Thessaloniki gekommen und von dort durch den griechischen Bürgerkrieg der späten vierziger Jahre vertrieben worden. Der neue Film folgt ihrer Spur von Sibirien, wo sie zwanzig Jahre in einem politischen Lager verbringt, bis in die Vereinigten Staaten, wo Eleni ihren Geliebten Spiros wiederfindet. Es ist ein weiter Weg. Er endet am letzten Tag des alten Jahrhunderts. Und er führt nach Berlin.

          Eine alte, geschichtsgraue Stadt

          Das Berlin des Griechen Angelopoulos ist das genaue Gegenteil des Tom Tykwerschen Berlins, wie man es in „The International“ sieht: keine Metropole aus Stahl und Glas, sondern eine alte, geschichtsgraue Stadt. Die Ruine des Palastes der Republik ist noch nicht gänzlich abgerissen – die Aufnahmen entstanden im Januar 2008 –, in Tempelhof landen noch Flugzeuge, und die Gedächtniskirche, von schräg oben gefilmt, grüßt melancholisch durch den Regen am Breitscheidplatz. Man betrachtet dieses Trauerkartenberlin, wie Angelopoulos das ganze zwanzigste Jahrhundert betrachtet: mit Nostalgie.

          Theo Angelopoulos

          Der griechische Regisseur ist für seine langen Kamerafahrten ebenso berühmt wie berüchtigt. Durch sie verbindet er, was in anderen Filmen streng getrennt ist: Innen- und Außenräume, historische und private Ereignisse, Völkermord und Familienzwist. In „Der Staub der Zeit“ nun macht Angelopoulos von seinem bevorzugten Ausdrucksmittel überraschend wenig Gebrauch. Stattdessen übersetzt er das Geschehen allzu oft in die Filmsprache, die wir kennen – Nahaufnahmen, Halbtotalen, Porträts von Räumen und Gesichtern. Diese Zurückhaltung hat einen merkwürdigen Effekt: Auf einmal sieht Angelopoulos’ Kino ganz gewöhnlich aus. Nicht der Hintergrund der Geschichte, versteht sich, der Blick in die Abgründe von Stalinismus, Faschismus und Kaltem Krieg. Aber die Geschichte selbst.

          Feierliche Bitterlichkeit

          Eleni verliert ihren Mann, sie trifft einen anderen, der ihr hilft, im Lager zu überleben, dann findet sie Spiros in Amerika wieder, und am Ende sind alle drei am Kurfürstendamm vereint: Das ist alles. Und Irène Jacob, Michel Piccoli und Bruno Ganz spielen diese Wiederbegegnung, als fände sie in einem Kafenion im winterlichen Piräus statt, mit statuarischen Gesten, theatralisch gepressten Schreien und feierlicher Bitterkeit. Dass sie den ganzen Film über Englisch reden müssen, macht ihre Aufgabe nicht leichter. Dass Bruno Ganz die Erfahrung seiner vierzigjährigen Theater- und Kinokarriere in seinen Part eines sterbensmüden deutsch-jüdischen Exkommunisten legt, hilft immerhin ein wenig. In einem anderen Film, einem Film wie „Landschaft im Nebel“ oder „Der Bienenzüchter“, hätte Ganz mit dieser Rolle Filmgeschichte geschrieben. So bleibt er ein Lichtblick in einem Alterswerk.

          Den undankbarsten Part in „Der Staub der Zeit“ hat Willem Dafoe. Er spielt einen Regisseur namens A, Elenis Sohn, der dabei ist, das Leben seiner Eltern zu verfilmen. Man sieht, wie sehr er sich bemüht, seine Figur mit Leben zu füllen; aber es gelingt ihn nicht, weil A, der Platzhalter, gar nichts erleben, sondern immer nur Ausgedachtes vollziehen darf. Sein Film ist am Ende vergessen, so wie die Liebe, die ihn nach Berlin gebracht hat.

          Beschwörung des historischen Augenblicks

          Auch diesmal gibt es die großen Angelopoulos-Tableaus, die Beschwörungen des historischen Augenblicks: eine Menschenmenge auf einem Platz, die bei der Nachricht von Stalins Tod schweigend auseinderläuft; eine gewaltige Holztreppe, an einen steilen Berghang gebaut, als führte sie direkt in den Himmel; das Schneetreiben am Brandenburger Tor am Morgen des neuen Jahrtausends. Aber diese Bilder sind Solitäre. Sie verbinden nichts mehr, sie genügen sich selbst. Angelopoulos’ Kino hat als Geschichtstragödie begonnen und endet als Erinnerungsalbum.

          Es ist sicher ungerecht, den „Staub der Zeit“, der auf der Berlinale außer Konkurrenz läuft, mit Richard Loncraines Wettbewerbsbeitrag „My One and Only“ zu vergleichen, einer in den fünfziger Jahren spielenden und über die Maßen gefälligen amerikanischen Familiengeschichte mit Renée Zellweger und Kevin Bacon. Aber bei Loncraine, der seinen Film mit freien Geldgebern an der langen Leine Hollywoods produziert hat, bekommt man immerhin eine Ahnung davon, wie sich das Leben in der Zeit der Big Bands und weißen Cadillacs angefühlt hat und wovor Salingers „Fänger im Roggen“ eigentlich davonrennen wollte. Nicht, dass das ein besonderer Trost für den Zuschauer des Berlinale-Wettbewerbs wäre. Europäisches Autorenkino von gestern und „unabhängige“ amerikanische Unterhaltungsware von heute, das ist die Mischung, die sich auf diesem Festival immer mehr breitmacht. Dazwischen liegen die Filme, auf die es ankommt. In Berlin gibt es von ihnen nicht genug.

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