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Berlinale : Schutz unter falscher Fahne

Ulrich Tukur als „John Rabe” Bild: Berlinale

Das erste Wochenende der Berlinale brachte drei deutsche Premieren: Florian Gallenbergers „John Rabe“, Sebastian Schippers „Mitte Ende August“ und Hans-Christian Schmids „Sturm“. Makellos sind sie alle nicht, überraschen aber durch ihre extrem unterschiedlichen Erzählweisen.

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          Vorm Erzählen kommt im Kino das Zählen. Pünktlich zur Berlinale hat die Filmförderungsanstalt die Zahlen für 2008 veröffentlicht. Sie sollen die Stimmung heben, was bei einem Marktanteil von 26,6 Prozent auch nicht allzu schwer ist, und Dieter Kosslick und Staatsminister Neumann werden nicht müde, die nahezu hundert Filme auf der Berlinale aufzuzählen, die mit deutscher Beteiligung entstanden. Natürlich kann niemand sie alle sehen, also zieht man querfeldein, greift sich drei heraus an und schaut, ob sie miteinander ins Gespräch kommen, wie das nur auf Festivals möglich ist.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es sind Dialoge, die sich in Gegensätzen bewegen: Stadt und Land, Krieg und Frieden, Liebe und Tod, Epos und Beziehungsminiatur, Gut und Böse natürlich auch, Politik und Privates. Manchmal wirbeln die Gegensatzpaare auch durcheinander, und alles soll am liebsten auf einmal da sein. Am meisten will und am wenigsten erreicht „John Rabe“ (in der Reihe „Berlinale special“). Florian Gallenberger hat vor Jahren einen Kurzfilm-Oscar gewonnen, nun hat er für rund 17 Millionen Euro einen dieser berüchtigten Amphibienfilme gedreht: 1 Kinofilm = 2 Teile im Fernsehen.

          Jeder Zoll ein Held

          Ob der 1950 in Vergessenheit verstorbene Rabe nun der „Schindler Chinas“ war, muss einen dabei weniger interessieren als die Frage, wie ein Biopic das Leben dieses Mannes formatiert, der 1937 in Nanking als Siemens-Manager abgelöst werden sollte – er blieb, als die Japaner die Stadt bombardierten, und er war maßgeblich beteiligt an der Schaffung einer Sicherheitszone, in der große Teile der chinesischen Bevölkerung Zuflucht fanden. Es geht von der Nahaufnahme in die Totale, der Kran steigt auf, der Regisseur lässt die Muskeln spielen. Ulrich Tukur kommt als softer Herrenmensch, der die Chinesen behandelt wie ein guter Vater erziehungsbedürftige Kinder, und geht, obwohl im Glauben an den Führer fest, jeder Zoll ein Held.

          Marie Bäumer (mit Milan Peschel) in „Mitte Ende August” so gut wie lange nicht
          Marie Bäumer (mit Milan Peschel) in „Mitte Ende August” so gut wie lange nicht : Bild: Berlinale

          Es gibt eine wirklich aberwitzig gute Szene, wenn Rabe im Fabrikhof eine riesige Hakenkreuzfahne entfalten lässt und die Arbeiter sich unter sie flüchten, was die Japaner zur Einstellung der Bombardements bewegt. Dass ausgerechnet diese Fahne Leben rettet, das hätte einer der kaum entwirrbaren Knoten in dieser eigentümlichen Biographie sein können, die der Film ansonsten jedoch in ambivalenzloser Heldenmalerei aufgehen lässt: in seinem pathetischen Tonfall und in den Einstellungen, die Rabe visuell noch einmal herauslösen aus der Gemeinschaft seiner internationalen Mitstreiter, von denen keiner seiner völkerpsychologischen Schablone entkommen darf; und auch in der phasenweise unerträglichen Musik, die dem Publikum Gefühle aufnötigen will, wo sich nichts rührt.

          Ohne alle Prätention

          In Sebastian Schippers „Mitte Ende August“ (im Forum) muss man erst einmal nur hinhören. Kein Geschmacksverstärker, kein Überwältigungsgeorgel, sondern ein Sound (von Vic Chesnutt), der auch ohne Worte etwas weiß von der chaotischen Gemütsverfassung der Charaktere. Die Konstellation des Films gleicht den Arrangements der Berliner Schule: das Haus auf dem Land, das Paar, der Bruder, das Patenkind, die Dazukommenden, die die Kluft zwischen dem Paar weiten – es ist nur weniger elegisch. Manchmal fühlt man sich wie in einem Unterwasserfilm, so intensiv sind die vielen Grün- und Blautöne, deren Spektrum die Kamera mit gezielten Unschärfen noch auffächert. Doch am Ende ist es hell, als seien sie gerade aufgetaucht und schnappten gierig nach Luft. Es geht um nicht allzu viel. Schipper tut auch gar nicht erst so, und wenn es nicht im Vorspann stünde, käme man kaum auf den Gedanken, der Film sei frei nach Goethes „Wahlverwandtschaften“ entstanden. Schipper lässt seinen Schauspielern Raum und Freiheit. Marie Bäumer ist so gut wie lange nicht mehr, und Milan Peschel spielt mit einigem Charme den Kindskopf mit dem Gesicht eines alten Mannes. Der Film ist nicht perfekt, den Auftritt des Vaters mit seiner russischen Geliebten hätte man streichen können, doch in dem, was er will und wie er es zeigt, ist er ganz bei sich, weil er ohne alle Prätention ist.

          Ohne alle Prätention

          Prätention ist eine Haltung, die Hans-Christian Schmid schon immer fremd war, selbst wenn „Sturm“ größer, internationaler und unmittelbar politischer ist als seine bisherigen Filme. Es ist Schmids dritter Auftritt im Wettbewerb, nach „Lichter“ und „Requiem“, und auch dieser Film hat so etwas wie ein soziales Gewissen. Schmid schreibt zusammen mit Bernd Lange Drehbücher, die ein hohes Empörungspotential enthalten und es einem leichtmachen, sich auf eine Seite zu schlagen, weil sie von Menschen erzählen, die von inneren Zwängen und vom Druck der Verhältnisse zermalmt zu werden drohen. Doch weil Schmid ein sehr beharrlicher und genauer Beobachter ist, weil er zeigen und begreifen will und nicht urteilen, wird daraus nie das handelsübliche Sozialdrama.

          Kerry Fox („Intimacy“) spielt die Hauptrolle in dem auf Englisch gedrehten Film: eine erst pflichtbewusste, dann gekränkte, schließlich verzweifelt kämpferische Anklägerin beim Kriegsverbrechertribunal in Den Haag, deren Wunsch nach Gerechtigkeit mit der Mechanik der Prozessordnung und den politischen Opportunitäten kollidiert. Kerry Fox ist großartig – und wird noch übertroffen von Anamaria Marinca als bosnischer Zeugin, die den angeklagten serbischen Kriegsverbrecher endgültig zu Fall bringen soll. „Sturm“ hat seine kleineren Unebenheiten, er braucht mehr erklärende, bisweilen didaktische Dialoge, als man von Schmid gewohnt ist, aber er stolpert nie in die Falle von Gratismoral und empörtem Gutmenschentum. Hans-Christian Schmid ist eben auch ein Skeptiker, dem es mehr um Klarheit als um die eine moralische Wahrheit geht, und weil er nicht mit der Geste desjenigen auftritt, der eine gute Sache in pompöser Verpackung verkaufen will, gewinnt er an Glaubwürdigkeit. „Sturm“ ist auch die Geschichte einer Enttäuschung, eines systembedingten Scheiterns mit einem Quantum Hoffnung – also ein Blick auf die Welt, wie sie ist. Und das zählt.

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