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Berlinale : Ich bin ein Cineast - lasst mich da rein!

Das Lektüreverhalten zeigt: Es kann noch lange dauern
          2 Min.

          Eine gute Stunde ist vergangen, da betreten wir den roten Teppich. Wir werden ihn so schnell nicht mehr verlassen, so gern wir es auch wollten. Dutzende roter Teppiche werden während der Berlinale aus- und wieder eingerollt, doch dieser hier, der im Einkaufszentrum „Potsdamer Platz Arkaden“ ausliegt, funktioniert anders als alle anderen: Wo man normalerweise über den Teppich geht und an seinem Rande steht, steht man hier auf dem Teppich selbst, während sich ringsherum alles bewegt.

          Jörg Thomann
          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Neugierige, vereinzelt auch mitleidige Blicke schenken die Passanten denjenigen, die wie festgewachsen auf dem roten Läufer stehen, um Karten für die Berlinale zu erwerben. Wer es bis auf den Teppich vor dem Kassenhäuschen geschafft hat, der ist immerhin schon ein gutes Stück vorangekommen. In einer halben Stunde vielleicht wird er sein Ziel erreicht haben.

          Filmreife Küsse in der Schlange

          Um zehn Uhr öffnen jeden Tag die Kartenschalter. Die ersten Interessenten finden sich am Abend vorher ein. Mit Schlafsäcken und Thermoskanne ausgerüstet, richten sie sich ihr zugiges Nachtlager ein. Am frühen Morgen stoßen die mit den Klappstühlchen hinzu. Kurz vor neun Uhr stehen, sitzen, liegen jeweils mehr als fünfzig Menschen in den Schlangen beiderseits der Kasse, die kontinuierlich wachsen.

          Die Welt ist ungerecht: Vor der Premiere zu „Lippels Traum”
          Die Welt ist ungerecht: Vor der Premiere zu „Lippels Traum” : Bild: dpa

          Kleine Grüppchen sind darunter, von denen ab und zu einer ausschert, um die anderen mit Heißgetränken zu versorgen, lebhaft diskutierende Filmfreunde und schweigsame Einzelgänger, die sich in die Zeitung oder in ein Buch vertiefen, mitunter - schaut, ich bin ein Cineast! - auch in ein Filmbuch. Es werden Hände geschüttelt, es wird sich vorgestellt, es wird gelegentlich geradezu filmreif geküsst, es wird telefoniert: Die letzten Bestellungen werden entgegengenommen.

          Jude oder Judi

          Über allem liegt eine leicht aufgekratzte, angenehm nervöse Stimmung. Das Filmfestival weckt im normalen, nicht akkreditierten Besucher den Urinstinkt des Jägers und Sammlers. Wie ein Sammler studiert er akribisch Berlinalebroschüren und -kataloge, kalkuliert Anfangszeiten, Filmdauer und Fahrtwege zwischen den verschiedenen Kinos, wägt ab zwischen dem chinesischen Wettbewerbsfilm und dem mexikanischen im Panorama.

          Spekuliert, ob der angehimmelte Jude Law zur Premiere von „Rage“ kommt oder doch nur die geschätzte Judi Dench. Und liegt dann wie ein Jäger auf der Lauer, die Bildschirme über den Kassenhäuschen im Blick: Grün, gelb und rot leuchten kleine Kästchen hinter den Filmtiteln, sie zeigen an, für welchen Film es noch Karten gibt (grün), keine Karten mehr (rot) und wo die Karten langsam knapp werden (gelb). Das gelbe Licht treibt die Pulsfrequenz des Wartenden in die Höhe. Wie viele sind noch vor mir, sind es nur noch zwei oder vielleicht noch fünf Minuten, bis es rot wird?

          Gewisse Filme aus gewissen exotischen Länder

          Vorne trennen sich dann die siegreichen Jäger von den enttäuschten. Die einen setzen sich auf eine Bank und beäugen in Ruhe ihre Beute, die anderen lassen durch ihre Miene oder ein unüberhörbares „Scheiße“ erkennen, dass ihre Warterei umsonst war. Dann sind endlich wir an der Reihe. Als Routiniers beherrschen wir die Codes, verständigen uns mit Nummern - zweimal die 07013, 19 Uhr, zweimal die 07273, 22.30 Uhr. Anderthalb Stunden gewartet, danach in weniger als einer Minute zehn Tickets gekauft. Womit wir zu den Genügsameren zählen, andere brauchen erheblich länger. Zwar werden pro Person nur zwei Tickets je Film ausgegeben, das aber kann sich hinziehen, wenn mehr als zehn Filme auf der Liste stehen.

          All die Akkreditierten, all diejenigen, die Punkt zehn Uhr mit zahllosen anonymen Gegnern um das schmale Internet-Kartenkontingent um die Wette klicken, sie werden es nicht verstehen, was ihnen entgeht, wie sehr die Schlangesteherei das Filmfieber befördern kann. Für den, der früh genug aufsteht, ist sie der sicherste Weg, auf dem Festival ein Erfolgserlebnis zu feiern. Später dann, im Kinosaal, liegt es dann nicht mehr in unserer Hand. Dann müssen wir nicht selten erkennen, dass gewisse Filme aus gewissen exotischen Ländern durchaus zu Recht nie im regulären Kinoprogramm landen. Doch den stolzen Moment, als wir für sie die Karten erlangten, den kann uns keiner mehr nehmen.

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